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Reumannhof

Fakten

Reumannhof

Margaretengürtel 100-110, 1050 Wien

Baujahr: 1924-1926

Wohnungen: 450

Architekt: Hubert Gessner

Weitere Adressen

Brandmayergasse 37-39, 1050 Wien

Siebenbrunnengasse 90-92, 1050 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Der Architekt Hubert Gessner versuchte mit dem 460 Wohnungen und 30 Geschäftslokale umfassenden Reumann-Hof ein Symbol für das neue Wien zu schaffen. In den frühen 20er Jahren war Grundsteinlegung, 1926 wurde die Eröffnung des Reumann-Hofes gefeiert. Das erste fertig gestellte Gebäude des Wiener sozialen Wohnbaues konnte der Bevölkerung präsentiert werden. Am Beginn des Bürgerkrieges im Februar 1934 war der Reumann-Hof Hauptstützpunkt des Republikanischen Schutzbundes. Es kam zu Kämpfen und zu einer Besetzung der Anlage durch Polizeieinheiten. Im 2. Weltkrieg fielen Bomben auf den Reumannhof.

Die Architektur

Der Reumann-Hof präsentiert sich als monumentale Wohnhausanlage mit überhöhtem Mitteltrakt und harmonisch anschließenden Seitentrakten. Die Architektur entspricht dem Grundgedanken Otto Wagners (1841-1918, Architekt und Kunsttheoretiker) von einer großstädtischen und monumentalen Bauweise. Otto Wagner war Lehrer vieler Architekten, die den Wiener Sozialbau in der Zwischenkriegszeit gestalteten, und beeinflusste daher auch deren Bauweise. Herzstück der Wohnbauanlage ist der "Ehrenhof" mit Wasserbecken. Die Wasserfläche spiegelt wie bei einer Schlossanlage den Mitteltrakt wider und lässt ihn dadurch größer erscheinen. Der "Ehrenhof" ist von Arkaden, Laubengängen und Pavillons umgeben.
Die Fassade zeigt dreieckige Erker, die ihre Wurzeln im tschechischen und slowakischen Kubismus haben. Die verschiedenen Fensterformen ergeben eine interessante Wirkung nach außen und nach innen. Die Gestaltung von abgerundeten Dachstrukturen weist auf französischen Einfluss hin.
Gittertore, Geländer, Zäune und Lampen sind in Stil und Form einheitlich und in einem satten Rot gehalten. Dieselben Stilelemente und Farben finden sich an der Fassade, auf den Gehwegen, in den Majolikaplastiken und in den Elementen der Stiegenhäuser wieder. Die schwarzen Handläufe der Stiegengeländer sind mit Goldknöpfen versehen und harmonieren mit dem schwarz-weißen Steinboden und den goldenen Türknöpfen und Namensschildern.
Der Reumann-Hof kann als Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Plastik im Sinne Otto Pächts (1902-1988, Kunsthistoriker) gesehen werden.

... und die Kunst

Zahlreiche Majolikatafeln (Keramiken) schmücken die Torbögen der Wohnhausanlage. Sie fügen sich in Farbe und Form dem Gesamtbauwerk ein und stellen verschiedene Handwerksberufe symbolhaft dar.
Ein Beispiel für die ursprünglich zahlreich geplanten Steinplastiken, deren Anzahl aus Kostengründen reduziert werden musste, zeigt am Eingang zum Kindergarten "spielende Kinder".

Der Name

Jakob Reumann (1853-1925) wurde 1919 erster sozialdemokratischer Bürgermeister Wiens. Er kann als Begründer des Wiener sozialen Wohnbaues gesehen werden. Er novellierte die Bauordnung entsprechend, unter seiner Amtsführung wurde 1923 das erste große Wohnbauprogramm beschlossen, das den Bau von 25.000 Gemeindewohnungen innerhalb von fünf Jahren vorsah.

Sanierung

von 1993 bis 1996

Im Reumannhof wurde in den Jahren 1993 bis 1996 eine Sockelsanierung durchgeführt. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Instandsetzung der Fassade und die Erneuerung der Fenster und Türen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Außerdem wurde der Hof an die Fernwärme Wien angeschlossen und eine Tiefgarage errichtet. Im Dachgeschoß entstanden zwölf neue Wohnungen. Unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Aspekte konnten Geschäftsportale und Stiegenhauseingangstüren wieder originalgetreu hergestellt und die Fassaden und Platzanlagen rekonstruiert werden. Der Einbau der Aufzüge erfolgte bereits ab 1987. Die Kosten beliefen sich auf 19.407.824 Euro, davon konnten 15.769.502 Euro durch Förderungen gedeckt werden.
1996 wurden die genannten Maßnahmen mit dem Stadterneuerungspreis ausgezeichnet.

Architekten

Hubert Gessner - Hubert Gessner (1871-1943) war bereits in verschiedenen Büros als Bauzeichner tätig, bevor er 1894 sein Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste bei Otto Wagner begann. 1904 gründete er mit seinem Bruder Franz Gessner das Architekturbüro Gessner & Gessner. Schon früh im Umfeld der Sozialdemokratischen Partei tätig wurden ihm durch Viktor Adler und Karl Renner erste wichtige Bauaufträge vermittelt. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg errichtete er neben Villen vor allem auch Arbeiterwohnheime und Gewerkschaftseinrichtungen in Wien und Niederösterreich, wie etwa das heute als Hotel genützte Arbeiterwohnheim Favoriten (Laxenburger Straße 8-10, Wien 4). In den 1920er- und 1930er-Jahren war Gessner einer der wichtigsten Architekten des Wiener Wohnbaus.

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