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Paul-Speiser-Hof

Fakten

Paul-Speiser-Hof

Freytaggasse 1-9, 1210 Wien

Baujahr: 1929-1932

Wohnungen: 469

Architekt: Leopold Bauer, Ernst Lichtblau, Hans Glaser, Karl Scheffel

Weitere Adressen

Wedekindgasse 2-8, 1210 Wien

Bodenstedtgasse 2-4, 1210 Wien

Freytaggasse 2-14, 1210 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Der Paul-Speiser-Hof wurde zum Teil auf dem Gelände des Floridsdorfer Athletik-Klubs errichtet und liegt in unmittelbarer Nähe der U6 sowie der S-Bahnstation Floridsdorf. Der Wohnbau befindet sich auf einem Teil jenes Gebietes, das im Zuge der Donauregulierung (1870-1875) aufgeschüttet und mit Piloten gestützt wurde. Die Anlage entstand ab 1929 in drei aufeinander folgenden Bauphasen, wobei die erste von Hans Glaser und Karl Scheffel ausgeführt wurde. Der zweite Bauteil erstreckt sich über die Franklinstraße und wurde 1930/31 von Ernst Lichtblau geplant. Im Jahre 1931/32 wurde die Anlage in der dritten Bauphase durch Leopold Bauer schließlich vollendet.

Die Architektur

Die große Wohnanlage besteht aus drei unterschiedlichen Baublöcken, die als eigenständige Anlagen betrachtet werden können. Der erste Bauteil von Hans Glaser und Karl Scheffel liegt südlich und erstreckt sich über einen U-förmigen Grundriss. Die Hauptfassade in der Freytaggasse erinnert mit ihren drei Rundbogendurchgängen und dem Spitzgiebel ein wenig an alte Zinshäuser. Die Anlage ist mit zahlreichen polygonalen Erkern abwechslungsreich gestaltet. Im Norden schließt als eigenständiger Baukörper die von Ernst Lichtblau geplante Anlage an. Der Wohnbau verfügt über vier Geschoße und ist in Form eines Vierkanthofes angelegt. Die moderne und sachliche Gestaltung des Gebäudes schafft einen starken Kontrast zum benachbarten älteren Bauteil. Die regelmäßigen Fensterachsen und die verglasten Loggien und Balkone sorgen für eine zurückhaltende Gliederung. Die Anlage ist aufgrund ihrer modernen funktionalistischen Bauweise dem Internationalen Stil zuzurechnen. Der dritte Bauteil von Leopold Bauer ist ein lang gestreckter Bau, der sich entlang der Freytaggasse erstreckt. Die Gliederung des fünfgeschoßigen Wohnhauses erfolgt durch risalitartige Bauteile über den Stiegeneingängen und Zusammenfassung der Fensterreihen mittels rahmender Gesimse. Aufgrund der zurückhaltenden Gestaltung entspricht die Anlage dem sachlichen Stil und bildet, wie auch der zweite Bauteil von Ernst Lichtblau, einen Kontrast zum ersten Wohnbau.

Der Name

Die Wohnhausanlage Paul-Speiser-Hof war den Floridsdorfern lange Zeit unter dem Namen FAC Bau bekannt, weil sie zum Teil auf dem Gelände des Floridsdorfer Athletik-Klubs errichtet wurde. Die Anlage wurde 1948 nach Paul Speiser benannt, eine Gedenktafel in der Freytagstraße erinnert an den Namensgeber. Er (1877-1947) war als Lehrer und engagierter Sozialdemokrat vor und nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv.

Sanierung

von 1997 bis 2000

Der Paul-Speiser-Hof wurde in den Jahren 1997 bis 2000 saniert. Die Arbeiten umfassten die Erneuerung von Dach, Fassade, Fenstern und Türen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Außerdem wurde der Hof an die Fernwärme Wien angeschlossen. Der Einbau der Aufzüge erfolgte bereits ab 1988. Die Kosten beliefen sich auf 10.489.707 Euro, davon konnten 5.226.009 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Leopold Bauer - Leopold Bauer (1872-1938), war Schüler von Otto Wagner und galt in seiner Frühzeit als Vorreiter des modernen Bauens, vertrat später jedoch eher konservative Auffassungen. Obwohl Bauer Gegner der Sozialdemokratie war, beteiligte er sich am Wohnbauprogramm der Stadt Wien - so wurde nach seinen Plänen unter anderem der Vogelweidhof (Hütteldorfer Str. 2a, Wien 15) errichtet.

Ernst Lichtblau - Ernst Lichtblau (1883-1963) studierte von 1902 bis 1905 an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo er die Meisterschule Otto Wagners besuchte. Als Mitarbeiter der Wiener Werkstätten beschäftigte er sich zunächst vor allem mit Design und Innenraumgestaltung. 1939 emigrierte er in die USA, wo er unter anderem als Design-Konsulent für das Kaufhaus Macy’s in New York tätig war und bis in die 1950er-Jahre an der Rhode Island School of Design unterrichtete. Sein prominentestes Werk ist das bereits 1914 errichtete "Schokoladenhaus" (Wien 3, Wattmanngasse 29), das seinen Namen dem ausgefallenen dunkelbraunen Majolikaschmuck zu verdanken hat.

Hans Glaser - Hans Glaser (1873-1950) hat 1893 bis 1896 an der Akademie der bildenden Künste bei Karl Hasenauer und Viktor Luntz studiert. Während seines Studiums war er ein Jahr in der Dombauhütte zu St. Stephan beschäftigt. Im Jahr 1914 gründete er gemeinsam mit Karl Scheffel und Alfred Kraupa das "Architektur und Konstruktions-Atelier für Ausstellungsindustrie, Möbel und Vergnügungsbauten". Hans Glaser und Karl Scheffel planten in der Zwischenkriegszeit in Floridsdorf zwei Gemeindewohnbauten, den Schlinger-Hof und den ersten Bauteil des Paul Speiser-Hofes. Neben der Planung und Ausführung von Wohnbauten, sind vor allem auch zahlreiche nicht realisierte Wettbewerbsprojekte für öffentliche Bauten zu erwähnen, wie etwa das Rathaus in Pettau oder der Entwurf für ein Krematorium in Reichenberg. Im Jahr 1917 erhielt Hans Glaser das Goldene Verdienstkreuz mit Krone.

Karl Scheffel - Der Architekt Karl Scheffel (1883-1946) wurde in Reichenberg/Liberec im heutigen Tschechien geboren. Zu seiner Ausbildung sind keine Daten bekannt. Ab 1913 war er in einer Arbeitsgemeinschaft mit Hans Glaser tätig, die auch nach dem Ersten Weltkrieg fortbestand. In dieser Zusammenarbeit entstanden etwa die Wohnhäuser Schanzgasse 24 in Wien 14 (1914), Kirchengasse 13 in Wien 7 (1914) und der Schlingerhof in Wien 21, Brünner Straße 34-38 (1924-1926).

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