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Hans-Werndl-Hof

Fakten

Hans-Werndl-Hof

Breitenfurter Straße 242, 1230 Wien

Baujahr: 1928-1928

Wohnungen: 11

Architekt: Leopold Schumm

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Die Anlage liegt an der Breitenfurter Straße nahe dem historischen Kern von Atzgersdorf, das als Gassengruppendorf westlich der Straße entstand. Die Struktur dieses Dorfes ist heute noch im Bereich um den Kirchenplatz erkennbar. Im 17. Jahrhundert gelangte es in die Grundherrschaft des Jesuitenkonvikts St. Barbara und nach Aufhebung des Ordens ging die Grundherrschaft an den Fürsten Starhemberg, den Grundherrn von Erlaa. Als freie Gemeinde scheint Atzgersdorf erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurden wie in Liesing ehemalige Weide- und Ackergründe parzelliert, vorwiegend im Gebiet zwischen Breitenfurter Straße und Brunner Straße. In der Nachkriegszeit wurde Atzgersdorf Sitz von Schwerindustriebetrieben, wuchs mit der Liesinger Industriezone zusammen und galt als Arbeiterviertel. Die charakteristische Verbauung mit eingeschoßigen Arbeiterhäusern wird heute immer mehr von weitläufigen Wohnhausanlagen verdrängt.

Die Architektur

Das dreiflügelige Gebäude hat eine sehr markante Schauseite zum Atzgersdorfer Platz. Auffallend ist vor allem der überhöhte viergeschoßige Mitteltrakt mit Walmdach. Seine Mittelachse ist durch große Loggien mit vorgebauten Brüstungen in den drei Obergeschoßen betont. Die Loggien sind zweigeteilt. Ihre Zugänge befinden sich in den schräg aufeinander zulaufenden Seitenwänden. Ein breiter Giebel in der Dachzone über der Loggienachse zentriert zusätzlich die breit gelagerte Fassade. Loggien befinden sich auch in den beiden Obergeschoßen an den abgeschrägten Enden der nur mehr dreigeschoßigen Seitentrakte. Die beiden rechteckigen Loggienöffnungen sind beiderseits des Eckpfeilers angeordnet. Durch die tiefen, großräumigen Loggien werden die Mitte und die Enden der sonst sehr kompakt wirkenden Fassade höhlenartig aufgebrochen. Das Satteldach der Seitentrakte ist über der schmalen einachsigen Eckabschrägung abgewalmt. Die Eckabschrägungen generieren sich aus der Planungsgenese im Zusammenhang mit der Straßenregulierung. Man muss dazu wissen, dass die Baulinie des Volkswohnhauses der diagonalen Durchschneidung eines ursprünglich fast quadratischen Grundstücks folgt. Über das so geschaffene schräge Straßenzwischenstück konnte die nordwärts führende ehemalige Wiener Straße mit der von Westen kommenden Breitenfurter Straße zu einer verschmolzen werden. Dafür wurde die eine Hälfte des Grundstücks geopfert. Der verbleibende Baugrund nördlich der Straße bildete also ein rechtwinkeliges Dreieck. Durch das Begradigen der Fassade entlang dieser Baulinie wurden einerseits die Rücklagen geschlossen und andererseits die vorkragenden Ecken der Seitentrakte abgeschnitten. Das ermöglichte außerdem die bessere Unterbringung von Geschäftslokalen im Erdgeschoß. Das Erdgeschoß ist durch ein breites Gesimsband vom ersten Obergeschoß abgesetzt. Über eine horizontal durchlaufende Parapetzone, die bei der Mittelloggia auch die gebogene Brüstung ausbildet, ist ein zweites Gesimsband gezogen. Die Brüstungen der beiden darüberliegenden Mittelloggien bestehen aus luftigeren Eisengittern. Ein drittes Gesimsband in Fortführung der Traufgesimse der niedrigeren Seitentrakte trennt das dritte Obergeschoß des Mitteltrakts von den beiden darunterliegenden. Durch das Portal im Erdgeschoß kommt man in ein Foyer, das sowohl zum hofseitigen Treppenhaus führt als auch in den Hof selbst. Der Treppenhausrisalit weist im obersten Stockwerk eine Lünette auf. Drei solcher Lünetten waren auch an der Straßenfassade vorgesehen, wurden aber im Zuge des Dachgeschoßausbaus in den 1950er-Jahren durch rechteckige Fenster ersetzt.

Im Hof schließt ein unterkellerter eingeschoßiger Baukörper an den östlichen Seitenflügel an, der als Erweiterung des sich an der Straßenseite befindenden Cafés genutzt wird.

Der Name

Die Wohnhausanlage trägt den Namen des österreichischen Politikers Johann "Hans" Werndl. Im Jahr 2014 (Gemeinderatsbeschluss vom 8. Oktober 2014) wurde der Bau nach ihm benannt. Hans Werndl wurde am 4. Juni 1887 in Rappottenstein geboren und unterrichtete nach seiner Ausbildung an der Lehrerbildungsanstalt in Salzburg als Hauptschullehrer. Daneben war er Redakteur der Zeitschrift "Die Gemeinde" sowie Autor. Als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs wurde er Bezirksparteiobmann und ab 1919 Bürgermeister in Atzgersdorf. Zwischen 1927 und Februar 1934 vertrat er die SDAP als Abgeordneter im Niederösterreichischen Landtag. Dieses Landtagsmandat verlor er nach Ausbruch der Februarkämpfe 1934 im Zuge des Verbots der SDAP. Hans Werndl starb am 4. November 1938.

Die Breitenfurter Straße geht durch den 12. und 23. Bezirk und wurde 1593 einfach "Die Straße" genannt. Später bekam sie den Titel "Ordinari Straße von Wien nach Atzgersdorf", dann wurde sie "Breitenfurther Waldämtliche Straße" genannt und schließlich abgekürzt zur Breitenfurter Straße nach dem Ort Breitenfurt.

Sanierung

von 2012 bis 2014

Eine Totalsanierung in den Jahren 2012 bis 2014 umfasste neben der Instandsetzung der Kamine und der Installierung eines Aufzugs vor allem die Erneuerung der Haustechnik. Es wurden Fenster und Türen getauscht, Balkone und ein Fahrradabstellraum neu gebaut. Die gesamte Wohnhausanlage wurde energetisch saniert.

Architekten

Leopold Schumm - Leopold Schumm (1878-1955) absolvierte die dreijährige Werkmeisterschule an der Staatsgewerbeschule Wien, bevor er sich nach mehreren Praxisjahren 1904 als Baumeister selbständig machte, wobei er auch immer wieder selbst als Planverfasser auftritt. Bis in die 1940er-Jahre konnte er vor allem mehrere Wohnhäuser und Villen im Raum Liesing, Atzgersdorf und Perchtoldsdorf errichten, wie etwa die Wohnhäuser Elisenstraße 19 in Wien 23 (1909) und Anton-Krieger-Straße 96 in Wien 23 (1926). Für die damals noch selbständige Gemeinde Atzgersdorf plante Leopold Schumm die Wohnhausanlage Breitenfurter Straße 242, heute in Wien 23 (1928).

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