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Engerthstraße 82

Fakten

Engerthstraße 82

Engerthstraße 82, 1200 Wien

Baujahr: 1954-1956

Wohnungen: 224

Architekt: Max Brandhuber, Leopoldine Schwarzinger, Kurt Buchta, Rolf Thomas Lauterbach

Weitere Adressen

Vorgartenstraße 55, 1200 Wien

Wohnen in Wien

Ab 1949 war der Wohnbau zahlenmäßig wieder auf dem Niveau des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit. Doch noch war die Bevölkerung verarmt und oft obdachlos. Kleine Duplex-Wohnungen, die später zusammengelegt werden konnten, linderten schließlich die Wohnungsnot. 1951 wurde Franz Jonas, Sohn einer Arbeiterfamilie, Bürgermeister von Wien. In seine Amtszeit fiel die rege Bautätigkeit im Rahmen des Projektes "Sozialer Städtebau" ab 1952. Das 8-Punkte-Programm hatte die Trennung von Wohn- und Gewerbebereichen, eine Auflockerung der Wohnbereiche sowie die Assanierung einzelner Viertel zum Ziel. Die standardmäßige Ausstattung der Wohnungen wurde verbessert - alle neu gebauten Wohnungen waren mit Badezimmern ausgestattet und die Mindestgröße wurde von 42 auf 55 Quadratmeter angehoben.

Geschichte

Die Wohnanlage befindet sich am Rande des Gebietes der ehemaligen Ortschaft "Zwischenbrücken". Diese war unabhängig von Brigittenau entstanden, als die Donau noch unreguliert war und die Taborbrücke errichtet wurde. Um 1900 wurde Zwischenbrücken gemeinsam mit Brigittenau zum XX. Wr. Gemeindebezirk zusammengefasst. Vor dem Baubeginn der heutigen Anlage waren die Grundstücke großteils unverbaut und wurden als Gärten genutzt. Auch die gegenüberliegende Seite der Engerthstraße, heute ein infrastrukturelles Zentrum mit U-Bahn, Schnellbahn und Markt nahe dem Handelskai und der Millenium City, war in den 1930er-Jahren noch völlig unverbaut. 1954 konnte die Baubewilligung für die Wohnanlage erteilt werden. Diese war 1957 bezugsbereit. Die verglasten Zubauten für die Aufzugsschächte wurden in den 1970er- und 1980er-Jahren errichtet. Bis auf kleinere Umbauten, unter anderem im Bereich der Geschäftszone, blieb der Bau sonst in seiner äußeren Gestalt unverändert.

Die Architektur

Die Anlage besteht aus zwei sechsgeschoßigen Bauteilen entlang der Engerthstraße und der Vorgartenstraße sowie einem siebengeschoßigen Trakt entlang des Bahndammes. Ein weiterer, L-förmiger Bauteil ist hofseitig gelegen. Der Hof kann von zwei Seiten über Durchfahrten erreicht werden. Diese Zugangsbereiche befinden sich in Verbindungstrakten an den Flanken der Straßentrakte. Der Raum zwischen den drei zu den Straßen hin gelegenen Bauteilen kann so überbrückt und die Anlage nach außen hin abgeschlossen werden. Die Verbindungstrakte sind gegenüber der restlichen Baulinie etwas zurückversetzt. Insgesamt beherbergt die Wohnanlage 12 Stiegen, welche alle über den L-förmigen Innenhof betreten werden können. Die Straßenfassaden sind, wie für Wohnbauten aus den 1950er-Jahren typisch, schlicht und schmucklos gehalten und bleiben in der Engerthstraße und der Vorgartenstraße einfach und ungegliedert. In der Engerthstraße ist im Erdgeschoß eine Geschäftszone untergebracht. In der Vorgartenstraße beschränkt sich die Sockelgestaltung auf ein schmales Podest. Entlang des Bahndammes ist jedes dritte Fenster im zweiten Hauptgeschoß mit einer Einfassung versehen. Auf eine detailliertere Fassadengliederung wird auch an dieser Seite der Anlage verzichtet. Die Gesimse unterhalb der Giebel- und Walmdächer sind durchgängig. Die Hofansichten werden heute von den nachträglichen Zubauten für den Einbau von Aufzügen dominiert. Eine durchlaufende Nut trennt die Sockelzone von der restlichen Fassade. Das Dach ist an den Hofseiten teilweise durch Mansarden geöffnet. Insgesamt eine für die 1950er-Jahre typische Wohnanlage, deren geschlossene Bauweise noch an Anlagen aus der Zwischenkriegszeit erinnert.

... und die Kunst

An allen Stiegenzugängen waren ursprünglich Hauszeichen zum Thema "Völkerfamilien" angebracht. Zu sehen waren die klischeehaften Darstellungen "Chinesen", "Indonesier", "Holländer", "Mexikaner" von Rudolf Hausner sowie "Araber", "Japaner", "Nordländer" von Erich Pieler. Die Mosaik-Supraporten stammten alle aus dem Jahr 1954. Viele von ihnen wurden allerdings bei der nachträglichen Errichtung von Zubauten zerstört.

Der Name

Die Engerthstraße wurde 1886 nach Wilhelm Freiherr von Engerth (1814-1884) benannt. Der Architekt und Professor der Maschinenlehre erbrachte im Eisenbahnbau, bei der Donauregulierung, Weltausstellungen und anderen städteplanerischen wie infrastrukturellen Großprojekten enorme Leistungen. Die Engerthstraße erfuhr 1956 eine Verkürzung durch die Benennung der Griegstraße, 1977 durch Schaffung des Olympiaplatzes.

Sanierung

von 1991 bis 1994

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 1991 bis 1994 erfolgte unter anderem auch der Lifteinbau. Die Kosten beliefen sich auf 134.081 Euro, davon konnten 80.449 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Max Brandhuber - Max Brandhuber (1899-1984) studierte von 1918 bis 1925 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Für die Gemeinde Wien war er etwa an den Entwürfen der Wohnhausanlage Engerthstraße 82 in Wien 20 (1954-1956) beteiligt.

Leopoldine Schwarzinger - Leopoldine Schwarzinger (geb. Pollak, 1913-2002) studierte vor dem Zweiten Weltkrieg Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien. Nach 1945 war sie (unter den Namen L. Schwarzinger und L. Kirschner) vor allem im Wiederaufbau tätig und entwarf vorwiegend in Gemeinschaft mit anderen Architekten mehrere Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien. Von ihr stammen unter anderem die Pläne für die Wohnhäuser Oberlaaer Straße 87 in Wien 10 (1956) und Geibelgasse 10 in Wien 15 (1978-1980); zusammen mit Felix Hasenöhrl entwarf sie die Anlage Römersthalgasse 9-17 in Wien 11 (1961/62).

Kurt Buchta - Kurt Buchta (1921-2004) studierte von 1939 bis 1948 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Für die Gemeinde Wien entwarf er das Wohnhaus Gymnasiumstraße 38 in Wien 18 und war an den Plänen zu den Anlagen Jedleseer Straße 77 in Wien 21 (1963-1965) und Ruthnergasse 56-60 in Wien 21 (1969/70) beteiligt.

Rolf Thomas Lauterbach - Rolf Thomas Lauterbach (1912-1984) studierte Architektur an der Technischen Hochschule Wien sowie an der Akademie der bildenden Künste Wien. Nach seinen Plänen wurde unter anderem 1949 inmitten der Nordrandsiedlung, Lavantgasse 35 in Wien 21, der erste Schulbau der Nachkriegszeit errichtet. Ebenfalls für die Gemeinde Wien plante Rolf Thomas Lauterbach die Wohnhausanlage Maurer Hauptplatz 11 in Wien 23 (1979). Seit 1949 war er Mitglied der Wiener Secession.

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