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Wehlistraße 32-38

Fakten

Wehlistraße 32-38

Wehlistraße 32-38, 1200 Wien

Baujahr: 1914-1915

Wohnungen: 115

Architekt: Leopold Simony

Wohnen in Wien

Im 19. Jahrhundert wuchs als Folge der massiven Industrialisierung die Arbeiterschicht stark an, die Einwohnerzahl Wiens explodierte, vor allem auch durch den Zuzug aus den ländlichen Gebieten der Donaumonarchie. Die nötigen Wohnungen wurden nahezu ausschließlich von Privaten gewinnorientiert gebaut. Mietskasernen mit so genannten "Bassena-Wohnungen" - Zimmer, Küche, Wasser und WC auf dem Gang - entstanden. Viele mussten diese kleinen Wohnungen (zwischen 20 und 30 Quadratmetern) noch mit Bettgehern und Untermietern teilen, um die Miete zahlen zu können. In den Jahren des Ersten Weltkrieges stagnierte die Bautätigkeit.

Geschichte

Die Wehlistraße ist eine sehr lange, mehrfach unterbrochene Straße, die bis in den 2. Wiener Gemeindebezirk in die Nähe des Ernst-Happel-Stadions führt. Seinen Anfang nimmt der Straßenzug am Friedrich-Engels-Platz. Auf diesem ehemals im Besitz des Stiftes Klosterneuburg stehenden Gelände befanden sich um 1900 Bauernhöfe, Gärten und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Mit der 1. Donauregulierung war die ständig drohende Hochwassergefahr immerhin deutlich geringer geworden und so wurden die Grundstücke zunehmend verbaut. Neben Wohnbauten waren es vor allem Produktionsstätten, die sich hier ansiedelten. 1914 kaufte Stadtbaumeister J. A. Alfons Klappholz das Grundstück Wehlistraße 32-38 und ließ die darauf befindlichen bäuerlichen Bauten abreißen. Anschließend ließ er mehrere Gebäude der "Vereinigten Sparbau-Fabriken" errichten, mit denen er ein modernes Betriebskonzept verfolgte. Klappholz verwirklichte hier eine Art Generalunternehmung, in deren Werkstätten neben den für den Bau notwendigen Materialien auch die Innenausstattung der Wohnungen hergestellt werden sollte. Oberhalb der Werkstatthallen sah der planende Architekt Leopold Simony Kleinwohnungen für die Fabriksarbeiter vor. Bedingt durch die schlechte Auftragslage und wahrscheinlich auch wegen der politischen Lage -Klappholz war Innsbrucker Gewerkschafter und wurde ab 1934 von den Nazis verfolgt - musste er die Fabrik verkaufen. Neuer Eigentümer war die Gemeinde Wien, die die ehemaligen Fabriksgebäude 1935 in das Familien-Asyl "St. Leopold" umwandeln ließ. Es handelte sich also um keine Neuplanung, sondern um eine Adaptierung, die von der vorhandenen Bausubstanz ausging. Zwar konnte der für die Zwischenkriegszeit so typische Schwerpunkt auf Licht, Luft und Sonne für die Bewohner nur beschränkt umgesetzt werden, dafür gab es in den Hoftrakten neben großen Wohnnutzflächen, moderne soziale Einrichtungen wie eine Brausebadanlage, eine Bibliothek, eine Mütterberatungsstelle und zwei Ordinationsräume für Ärzte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Komplex durch mehrere Bombentreffer teilweise zerstört und später wieder aufgebaut. Nach Beseitigung der Kriegsschäden erfolgte 1953 der Einbau zusätzlicher Wohnungen in den Dachgeschoßen.

Die Architektur

Auf dem längsrechteckigen Grundstück an der Wehlistraße befinden sich ein in Blockrandverbauung angeordneter lang gestreckter Trakt und dahinter, in einem relativ engen Innenhof, zwei quer stehende Gebäudetrakte. Der mehrfach umgebaute sechsgeschoßige Gebäudekomplex zeigt etliche für eine Kleinwohnungsanlage der Zwischenkriegszeit atypische Elemente, die eher an die als Zinskasernen bezeichneten Mietshäuser um 1900 erinnern: eine deutlich größere Raumhöhe, angebaute halbrunde und polygonal vorspringende Stiegenhaustrakte, unterschiedliche, sehr einfach gestaltete Stiegenzugänge. Die Erklärung liegt in der Geschichte des Baus, der ehemals Werkstätten und Fertigungshallen beherbergte. Leopold Simony hatte bereits bei der Errichtung 1914 in den Hoftrakten oberhalb der Hallen kleine Wohneinheiten für die Arbeiter geplant. Als 1935 der gesamte Komplex zu einem Wohnasyl für Familien umgewandelt wurde, baute der Architekt Otto Schloszberger die Hallenräume zu Wohnflächen um, im Hof wurden Stiegenhäuser angebaut und einfache Portale geschaffen.

An der Außenfassade, die ihre jetzige Erscheinungsform wohl im Zuge des Wiederaufbaus um 1950 erhalten hat, ist das Bemühen um Symmetrie und Vereinheitlichung erkennbar. Zwei leicht rückspringende Bauteile mit vertikal übereinander gereihten gekuppelten Halbloggien rhythmisieren in regelmäßigem Wechsel die Außenfront. Einheitliche Aufteilung zwei- und dreiteiliger Fenster und die für die Zwischenkriegszeit typischen, im Quadrat angeordneten kleinen Rechteckfenster gliedern die glatt geputzte Außenfassade. Eine rechteckige Durchfahrt erschließt den kleinen Innenhof, der durch die Quertrakte in drei kleine Teilflächen getrennt ist.

Oberhalb der Tordurchfahrt ist das programmatische Hauszeichen aus der Bauzeit des Familienasyls angebracht, eine Darstellung des Landespatrons von Wien und Niederösterreich, der heilige Leopold.

... und die Kunst

Das mehrfarbige keramische Relief von Heinrich Scholz zeigt eine Büste des heiligen Leopold als Stifter von Klosterneuburg, umgeben von vier Wappen: Klosterneuburg, Niederösterreich, Wien und Österreich und ist um 1936 entstanden.

Der Name

Die Wehlistraße ist seit 1892 nach dem Vizepräsidenten der Donauregulierungskommission August Freiherr von Wehli (1810-1892) benannt. Während der Nazi-Herrschaft 1938-1945 trug sie die Bezeichnung Admiral-Scheer-Straße. Im Jahre 1986 wurde sie bis in den 2. Wiener Gemeindebezirk verlängert.

Sanierung

von 1988 bis 1991

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 1988 bis 1991 erfolgten unter anderem auch der Anschluss an die Fernwärme Wien und der Lifteinbau. Die Kosten beliefen sich auf 706.235 Euro, davon konnten 451.109 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Leopold Simony - Leopold Simony (1859-1929) studierte 1877 bis 1883 an der Technischen Hochschule Wien bei Karl König und Heinrich Ferstel. Ab 1889 arbeitete Simony als selbständiger Architekt, wobei er bis etwa 1904 vor allem in Arbeitsgemeinschaft mit Theodor Bach tätig war. Simony war auf Industriebauten spezialisiert, die er in Galizien und am Balkan errichtete. Dabei entstanden oft auch gleichzeitig Arbeitersiedlungen. Er wurde immer mehr zum Fachmann für sozialen Wohnbau und setzte sich zunehmend für einen genossenschaftlichen Wohnungsbau ein. Ab 1900 war er Geschäftsführer der Gemeinnützigen Baugesellschaft für Arbeiterwohnhäuser und leitete als solcher den Bau tausender sozialer Arbeiterwohnungen. Die von ihm entworfenen Wohnanlagen, wie etwa der Lobmeyrhof in Wien 16 (Wernhardtstraße 13-19, 1900/01), wurden in ihren riesigen Dimensionen mit Blockrandverbauung um Höfe und Gemeinschaftseinrichtungen für den späteren sozialen Wohnbau der Zwischenkriegszeit prägend.

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