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Die heitere Gelassenheit

Der in Wien lebende Autor Radek Knapp hat in seinem neuem Roman „Der Gipfeldieb“
das Leben des sympathischen Underdogs Ludwik Wiewurka niedergeschrieben, der als melancholischer Heizungsableser sein Geld u.a. in den Gemeindebauten verdient. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über sein Buch und seine Arbeit als Schriftsteller geplaudert.

Wie würden Sie jemandem, der Ihr Buch „Der Gipfeldieb“ nicht kennt, Ihren Roman beschreiben?

Radek Knapp: Ich wollte mit diesem Buch die Geschichte von jemandem schreiben, der allem zum Trotz, was da mit ihm und um ihm herum auf der Welt passiert, ein Optimist bleibt, der eine heitere Gelassenheit hat. Deprimiert sein und sich aufregen, was gerade passiert, das ist keine Kunst, das macht ja jeder. Die wahre Kunst ist es, sich doch ein bisschen davon zu distanzieren, ohne dabei aber vor der Welt wegzulaufen. Das heißt, dazubleiben und dennoch die heitere Gelassenheit zu haben. Die wichtigste Begegnung in dem Buch ist, als der Protagonist den Gipfeldieb (Anmerkung: ein Bergfex, der von jedem Gipfel ein Stück als Souvenir mitnimmt) trifft, der zu ihm sagt „Das Wichtigste, das wir brauchen, ist nicht Gesundheit und Liebe, sondern eine Vogelperspektive.“ Und er bekommt auch als Talisman diesen Gipfel, den hat er immer in der Tasche und mit dem geht er weiter durch das Leben. Diese Vogelperspektive auf die Dinge ist etwas sehr kostbares, man kann sie geschenkt bekommen, aber in Wahrheit ist das so, dass man sich das erarbeiten muss. Das ist auch eine Lebenshaltung, die ich uns allen wünschen möchte.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ein Buch über einen Menschen zu schreiben, der in Gemeindebauten Strom abliest?

Radek Knapp: Das Buch ist sehr autobiografisch. Und autobiografische Bücher haben den Vorteil, dass man gar nichts erfinden muss. Es war 1985 und 1986, als ich Heizungsableser war, dass weiß ich noch genau, weil ich dann später fließend in den Zivildienst gewechselt bin. Ich habe gut verdient, Trinkgeld gekriegt und ich denke, für einen Autor gibt es keinen besseren Job. Statt in Schreibschulen, würde ich die Autoren in Gemeindebauten schicken.

In welchen Gemeindebauten haben Sie Strom abgelesen?

Radek Knapp:  In sehr vielen: Am Schöpfwerk, am Rennbahnweg und auch im 21. Bezirk. Was ich den Gemeindebauten erlebt habe – das war unglaublich, was es da an Tieren gab …

Sie schreiben in ihrem Buch, dass Ludwik Wiewurka in einer Gemeindewohnung
beim Stromablesen einen Esel antrifft. Das gab es ja wirklich am Rennbahnweg.
Haben sie das gewusst oder gut recherchiert?


Radek Knapp:  Ich gebe zu, ich habe es nicht selbst erlebt, aber es war ein Kumpel von mir. Und zu dieser Zeit habe ich mich dann in Wien wirklich heimisch gefühlt. Ich habe mir gedacht, die Leute sind hier wie in Polen. Ich habe hier echt nette Leute getroffen.

Gibt es eine Anekdote aus dem Gemeindebau, die Ihnen zu dieser Zeit einfällt?

Radek Knapp:  Bei Tieren gab es alles. Schlangen, Cobras. In einer Wohnung war
statt einer Tür eine dicke Glasscheibe, hinter der eine Schlange in einem Zimmer wohnte. Einmal habe ich ein Krokodil in einer Badewanne gesehen, das war aber noch eine kleine Echse, die der Bewohner aus Thailand mitgenommen hatte. Nichts fasziniert einen so wie das echte Leben. Man kommt in eine Wohnung und sieht, da ist jemand krank oder da hat wer im Lotto gewonnen, und das ist nicht gespielt. Der Gemeindebau war für mich ein Ort, wo ich begriffen habe, dass hier das echte Leben stattfindet.

Haben Sie damals schon daran gedacht, dass aus Ihren Erlebnissen ein Buch
entstehen könnte?


Radek Knapp: Nein, gar nicht. Ich habe zu dieser Zeit überhaupt nicht gewusst, was
das für ein Schatz ist, das ist mir erst später gekommen. In dem Alter wollte ich wie Kafka schreiben, da haben mich normale Leute nicht interessiert.

Wie viel Radek Knapp steckt im Protagonisten des Buches?

Sehr viel, Bücher sind aber auch immer ein bisschen ein Wunschgebilde, man schreibt sie auch, weil man möchte, dass all die netten Dinge, die dem Protagonisten passieren, auch einem selbst widerfahren hätten sollen.

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