Mobile Version aus nicht mehr nachfragen

Zeitungen aus Seinerzeit

Wer in Wien eine alte Zeitung oder ein altes Buch sucht, geht entweder in die Nationalbibliothek oder zu „Herrn Ernst“. Wir haben ihm einen Besuch abgestattet.

In der Gumpendorfer Straße ist er seit 38 Jahren eine Institution: der Antiquar, der sowohl von den KundInnen als auch von seinen MitarbeiterInnen nur „Herr Ernst“ genannt wird. Betritt man sein Geschäftslokal, weiß man sofort, was hier verkauft wird: Links hinter der Theke thronen über zwei antiken Lampen originale Tageszeitungen aus vergangenen Tagen mit Zeitungshaltern, wie man sie heute nur mehr in traditionellen Wiener Kaffeehäusern findet. Von der „Arbeiter-Zeitung“ über die „Kronen Zeitung“ und „Die Presse“ bis zur „Wiener Zeitung“ gibt es hier originale Tageszeitungen ab 1895. Darunter steht Herr Ernst, mit weißem Vollbart und Brille.

Seine Zeitungen hat er überall aufgekauft. „Wir haben den größten Bestand Österreichs an alten Zeitungen. Das Geschäft war erst 14 Tage geöffnet, da kamen schon die Anfragen: „Haben Sie eine Zeitung von dann und dann?“ Die Leute denken immer, wenn man ein Antiquariat besitzt, muss man alles haben … Dann arbeitet man so ca. 17 Jahre, bis man wirklich alles hat“, grinst Herr Ernst.

„Wiedersehen, Robert“, grüßt er, als einer seiner Mitarbeiter den Laden verlässt. „Wiedersehen, Herr Ernst!“ Die Türe öffnet sich, eine Glocke ober der alten Türe erklingt. Hier scheint alles aus einer anderen Zeit – die Zeitungen, die Postkarten und die 40.000 Bücher, die sich auf 1.400 Stellagen-Metern aneinanderreihen. Neben dem Atlas der Biologie findet man Kinderbücher, Kochbücher oder einen „Nick Knatterton“.
Welches Buch wo steht, weiß am besten Herr Ernst, die Listen, die er führt, sind noch analog, nicht elektronisch. Sein Sohn, Harald Anzböck, der jahrelang in der gehobenen Gastronomie tätig war, will seinem Vater bei der Modernisierung etwas unter die Arme greifen.

Schätze im Verborgenen
 

Seit sechs Jahren hat der Antiquar ein Lager im Gemeindebau gleich nebenan. Auf ca. 50 m² werden hier Bücher und Platten aufbewahrt. „Der Schneeglöckchenwalzer auf Schellack, Klassik, Japaner, Russen und Chinesen stehen da“, so Herr Ernst. Die Räumlichkeiten dienen als Sichtungsort und Zwischenlager. Die KundInnen können hier Material durchschauen oder es findet ein kleiner Flohmarkt statt. Oft entdeckt der Antiquar auch ein längst vergessenes Schmankerl, wie „Don Niño oder Die Geographie der Träume“ von Miguel Asturias, der 1967 den Nobelpreis bekam.

Es liegt im Sinn eines Antiquars, dass er immer
alles vollständig haben will!

Wenn es Abend wird, verlassen die MitarbeiterInnen das Geschäftslokal und das Lager im Gemeindebau. Herr Ernst und sein Sohn schließen die Tore, ziehen die Rollläden herunter und es herrscht Ruhe – bis am nächsten Tag um 9 Uhr die Türe wieder geöffnet wird und beim Eintritt jeder Kundin und jedes Kunden die Glocke über der Tür erneut ihren unverkennbar vollen Klang wie ein Gedicht aus einem Band in der Stellage von sich gibt.

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