Der Gemeindebau sollte von Beginn an das Leben der Bürger*innen Wiens verbessern und erleichtern. Auch 100 Jahre nach der Eröffnung des ersten Wiener Gemeindebaus wird der ursprüngliche Ansatz eines kommunalen Lebens weiterhin verfolgt.
Eine eigene Wohnung oder wenigstens ein eigenes Zimmer! Für viele Wiener*innen an der Wende zum 20. Jahrhundert ein Traum, der wohl niemals Wirklichkeit werden würde.
Die katastrophale Wohnungsnot wurde teils durch den Zuzug von Menschen aus allen Teilen der Habsburgermonarchie in die Haupt- und Residenzstadt hervorgerufen. Teils aber war sie auch eine Folge der Tatsache, dass sich die meisten Wohnungen in Privatbesitz befanden und ihre Vermietung sich an den Gesetzen der Rentabilität orientierte.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte Wien bereits über 2 Millionen Einwohner*innen, von denen die ärmeren unter unvorstellbaren Bedingungen lebten: Bettgeher*innen, die sich nicht einmal die Miete für ein Zimmer leisten konnten und lediglich für ein paar Stunden pro Tag eine Liegestatt benutzen durften. Oder Untermieter*innen, die wenigstens einen kleinen Raum ihr eigen nannten – in überfüllten Wohnungen ohne Wasser, ohne Toilette, ohne Licht, schlecht belüftet, sodass sich Krankheiten ungehindert ausbreiten konnten.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in den Anfängen der Republik Österreich zog die Sozial-demokratische Arbeiterpartei ins Wiener Rathaus ein und stellte mit Jakob Reumann den ersten sozial-demokratischen Bürgermeister. Die Zeit des sogenannten „Roten Wien“ begann.
Die Wohnungssituation war durch die galoppierende Inflation, Kriegsflüchtlinge und politische Instabilität nicht einfacher geworden und so nahm die Stadt Wien umfangreiche Wohnbauprogramme in Angriff. Durch die Errichtung von kommunalen Mietshäusern sollte nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern den Menschen auch ganz allgemein eine bessere Ausgangsbasis für ein „normales“, gesundes Leben geboten werden.
Die Ansprüche waren hoch: Statt der finsteren, schmutzigen Löcher, in denen viele hausten, wollte man lichtdurchflutete Wohnungen errichten, die über Zimmer, Küche, Vorraum und sogar ein eigenes WC und eine Wasserstelle verfügten; statt in schmutzstarrende Lichthöfe sollte man in Gärten und Grünanlagen blicken, Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder und Kindergärten wurden vorgesehen, um den Alltag der Bewohner*innen zu erleichtern und ihnen einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen.
Noch heute scheint es wie ein Wunder, dass dies in der damaligen wirtschaftlichen Situation gelang. Wesentlichen Anteil an diesem Erfolg hatte die von Finanzstadtrat Hugo Breitner initiierte zweckgebundene Wohnbausteuer, die es – neben anderen neu geschaffenen Abgaben – ermöglichte, die ambitionierten Projekte zu verwirklichen.
So wurden in der Zwischenkriegszeit über 61.000 Wohnungen in 348 Wohnhausanlagen und über 5.000 Wohnungen in 42 Reihenhaussiedlungen für die Mieter*innen bezugsfertig gemacht. Darunter waren die erste größere Wohnsiedlung der Stadt Wien auf der Schmelz (1919 – 24) mit 150 Siedlungshäusern und Gärten zur Selbstversorgung, der Metzleinstalerhof (1916 – 25), der erste „echte Gemeindebau“, der bereits eine Badeanstalt, eine Bibliothek, eine Wäscherei und einen Kindergarten enthielt.
Dazu kamen die Wohnhausanlage Sandleiten (1924 – 28), damals die größte mit über 1.500 Wohnungen, und der Karl-Marx-Hof (1927 – 30), der noch heute als herausragendes Beispiel für gelungene Architektur und Stadtplanung der damaligen Zeit internationale Berühmtheit genießt. Wie auch andere große Wohnhausanlagen wurde er im Februar 1934 zum Kriegsschauplatz, als demokratische Widerstandskämpfer*innen sich gegen die angreifenden Truppen des Ständestaates in den Bauten verschanzten.
Knapp danach wurde mit Beginn des Ständestaates die Bautätigkeit fast völlig eingestellt und auch in der darauf folgenden Diktatur des Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg naturgemäß kaum fortgesetzt.
Die ersten Gemeindebauten
Ein Film des Wiener Arbeiter Film Archivs (WIFAR) zeigt in seltenen Bildern die Anfänge des Sozialen Wohnbaus. Genießen Sie diese Zeitreise!
In Bildern
Fotoeindrücke aus den ersten Wohnhausanlagen zeigen das Leben im Gemeindebau.
Lebensnahe Unterhaltung und ehrliche Information über die bunten Seiten des Lebens im Gemeindebau kommen nicht zu kurz im neu gestalteten Magazin.
Umfangreiche Bildgeschichten und Porträts von Menschen im Gemeindebau, interessante Mitbewohner*innen, die vielleicht gleich neben Ihnen wohnen.
Lernen Sie auch die Menschen Ihrer Hausverwaltung Wiener Wohnen kennen und erfahren Sie, was Wiener Wohnen oft kaum bemerkt für ein funktionierendes Zusammenleben im Gemeindebau leistet.