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Flurschützstraße 26

Fakten

Flurschützstraße 26

Flurschützstraße 26, 1120 Wien

Baujahr: 1986-1988

Wohnungen: 19

Architekt: Günther Feuerstein

Weitere Adressen

Malfattigasse 35, 1120 Wien

Wohnen in Wien

Ab den 1980er-Jahren bestimmte ein neuer Stadtentwicklungsplan die Wohnhaussanierung. Der 1984 gegründete Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds und das Wohnhaussanierungsgesetz 1985 ergänzten die optimalen Voraussetzungen für eine sanfte Stadterneuerung. 36 Prozent der Sanierungsgelder flossen in Gemeindebauten, sodass die berühmtesten Gemeindebauten aus der Zwischenkriegszeit saniert werden konnten, wie z. B. der Karl-Marx-Hof, der George-Washington-Hof oder der Rabenhof. Für Neubauten wurde durch Wettbewerbe eine qualitativ hochwertige und individuelle Architektur sichergestellt, wie das Beispiel Hundertwasserhaus zeigt.

Geschichte

Schon seit 1889 stand an der Ecke Flurschützstraße/Malfattigasse ein viergeschoßiges Haus mit zwei kurzen Trakten entlang den beiden Gassen. Dieser Teil von Untermeidling war jedoch stark von Kriegsschäden betroffen. Daher musste auch dieses Gebäude nach dem Krieg abgerissen werden. Die Baugenehmigung für das neue Gebäude wurde 1984 erteilt, wegen vorstehender Gebäudeteile und Überschreitung der Höhe jedoch erst nach Beratung vom Gemeinderat beschlossen.

Die ursprüngliche Konzeption des Baus hatte eine möglichst hohe Identifikation seiner Bewohner mit der Anlage zum Ziel. Deshalb gab es ein beschränktes Mitspracherecht der Mieter am Grundriss der Wohnungen sowie auch bei der bewusst unrhythmischen Anordnungsmöglichkeit der Fenster, die eine freie Entfaltung der Bewohner zulassen sollte. Die Erker, in denen die Mehrzahl der Wohnungen liegt, sollten Monotonie vermeiden und an die Tradition der Gründerzeit und der Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Auch die künstlerische Ausgestaltung mit Majolikaplatten, die als organische Verbindung der Fensterelemente eingesetzt wurden, entspricht der Gemeindebautradition. Sie sollten von den Kindern und Jugendlichen der Bewohner selbst hergestellt werden, unterstützt von Studenten der Keramikklassen der österreichischen Hochschulen. Das Ziel war, eine von der Bevölkerung mitgestaltete Fassade zu schaffen.

Die Architektur

Bei der Wohnhausanlage handelt es sich um eine Baulückenschließung in Form einer Eckverbauung. Die beiden sechsgeschoßigen Seitentrakte sind durch einen überhöhten oktogonalen Eckerkerturm mit einer etwas nach hinten versetzten Dachpyramide miteinander verbunden. Kleinere polygonale Seitenerker gliedern die Straßenfassaden. Die Erker sind eine moderne Modifikation der bei den Wiener Gründerzeithäusern beliebten Erkervarianten. Die Fassadenflächen zwischen den Erkern sind zu diesen hin abgeschrägt und erhalten dadurch einen risalitartigen, ebenfalls polygonal gebrochenen Charakter. Die Fenster und Fenstertüren wurden im Baukastensystem aus beinahe quadratischen Elementen mit beliebiger Zusammensetzbarkeit konzipiert. Sie sind zwei-, drei- oder vierflügelig nebeneinander sowie über- oder untereinander angeordnet. Zudem sind die Fenstergruppen horizontal, aber auch vertikal beliebig mit unregelmäßig blauweiß gestreiften Majolikaplatten verspannt. In Kombination mit dem Terrakottabraun der Erker und dem Ockergelb der dazwischen liegenden Fassaden entsteht ein lebendiger, farbenstarker Eindruck. Im obersten Geschoß des Eckerkerturms befinden sich diagonal eingesetzte Fensterquadrate, die zusammen mit dem pyramidalen Turmhelm und der Kugel auf der Turmspitze ein orientalisches Flair ergeben. Das Erdgeschoß mit zwei Geschäften und zwei Garageneinfahrten ist zusätzlich mit blau glasierten Kacheln verblendet. Die dazu kontrastierende orangerote Eingangstür in der Malfattigasse ist mit einem breiten Flugdach versehen.

Durch ein helles Stiegenhaus gelangt man in den kleinen Hof. Die Hoffassaden werden ebenfalls durch zwei Erker betont, die ganz ins Eck geschoben sind. Nur ein schmaler Rücksprung ist ausgespart, der die Stiegenhausfenster enthält und über der Dachlinie in den oktogonalen Turmaufbau übergeht. Die in der Planungsphase auch hofseitig angedachte Fassadengestaltung mit Majolika kam hier allerdings nicht zur Ausführung.

... und die Kunst

Die weißen Majolikaplatten zwischen den Fenstern und Achsen sind in Form einer überdimensionalen Strichrasterung mit dickeren und dünneren blauen Linien bemalt. Offensichtlich wurde die Ausführung der Platten einem Keramikkünstler überantwortet, sie zeugt nämlich von einem einheitlichen Konzept und einer professionellen Gestaltung.

Der Name

Die Flurschützstraße wurde 1896 nach Johann Flurschütz (1820-1895) benannt, einem Gastwirt, der Bezirksvorsteher des 5. Bezirks und Gemeinderat war.

Architekten

Günther Feuerstein - Günther Feuerstein (geb. 1925) studierte nach geleistetem Kriegsdienst von 1945-1951 Architektur an der TH Wien, wo er 1966 auch promovierte. Nach dem Studium war er zunächst Mitarbeiter im Atelier von Michel Engelhart und später Assistent von Karl Schwanzer an der TH Wien. Feuerstein gilt durch seine theoretische Arbeit und zahlreichen Publikationen, in denen er eine Abkehr vom Funktionalismus hin zu sozialen Lebensräumen anstrebt, als einer der Erneuerer der Österreichischen Architektur ab den 1960er-Jahren. 1973 wurde er Professor für "Umraumgestaltung" an der Linzer Kunsthochschule, ab 1985 unterrichtete Feuerstein auch an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zu seinen bedeutendsten Bauwerken gehört die Wohnsiedlung Fliegerhorst Vogler in Hörsching bei Linz (1966-1977) und die integrative Wohngruppe Hirschstetten in Wien 22 (mit Robert Krier und Michael Stein, 1985-1987).

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