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Ettenreichgasse 42-44

Fakten

Ettenreichgasse 42-44

Ettenreichgasse 42-44, 1100 Wien

Baujahr: 1935-1936

Wohnungen: 95

Architekt: Franz Wiesmann

Weitere Adressen

Hardtmuthgasse 33, 1100 Wien

Leibnizgasse 65, 1100 Wien

Troststraße 32, 1100 Wien

Wohnen in Wien

Zu Beginn der 1930er-Jahre wurde der kommunale Wohnungsbau durch die zunehmend schlechte Wirtschaftslage massiv eingeschränkt. Um für die arbeitslose Bevölkerung trotzdem Wohnraum und Beschäftigung schaffen zu können, ging die Stadt dazu über, am Stadtrand liegendes Bauland zu erschließen und so genannte "Erwerbslosensiedlungen" zur Verfügung zu stellen. Die Siedlungshäuser wurden von den späteren Bewohnern nach einem vorgegebenen Bebauungsplan selbst errichtet. Durch die Ausschaltung des Parlaments und die Einführung einer autoritären ständestaatlichen Verfassung verlor Wien 1934 den Status eines eigenen Bundeslandes. Der Wohnbau kam so gut wie zum Erliegen, und die Arbeitslosigkeit stieg weiter. Der wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung versuchte die Stadt entgegenzuwirken, indem sie Bauland zur Gründung autarker Wohneinheiten bereitstellte und so die Bewohner aus dem Elend der traditionellen Arbeiterbezirke an den grünen Stadtrand absiedelte.

Geschichte

Die christlichsoziale Stadtverwaltung errichtete ab 1935 in Anlehnung an den deutschen NS-Volkswohnungsbau in Wien sieben "Familienasyle" mit rund 830 Wohnungen, die zweckbestimmt an einkommensschwache und kinderreiche Familien übergeben wurden. Ihre Benützung sollte ursprünglich zeitlich begrenzt sein, wegen der Verschärfung der Wirtschaftskrise und der Veränderung der politischen Macht trat jedoch in den meisten Fällen keine Besserung der sozialen Lage ein, sodass die meisten Wohnungen dauerhafter Wohnsitz wurden. Wegen der Verknappung der Mittel wurden die Asyle nur einfachst gebaut und fielen weit hinter den Standard früherer Wohnbauleistungen zurück. Auch was die Kunst betrifft, ist das Familienasyl "St. Josef" keine Ausnahme: Anstatt der christlichen Figur St. Josef, Patron der Arbeiterschaft, kamen nach dem Anschluss nationalsozialistische Heroen zur Aufstellung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Figur von St. Josef sowie das keramische Relief "Mutter mit Kindern" wieder aufgestellt. Heute steht das ehemalige Familienasyl "St. Josef" unter Denkmalschutz.

Die Architektur

Franz Wiesmann, von 1913 bis 1945 im Wiener Stadtbauamt tätig, errichtete nach 1934 mehrere Wohnhäuser für die christlichsoziale Verwaltung, darunter einige Familienasyle. An Dürftigkeit und Einfachheit waren diese nicht zu übertreffen, wenn auch die Doppel-Hofanlage "St. Josef" einen "gehobeneren" Standard aufweist. Wiesmanns Bemühen galt, trotz miserabler Zustände, einer gewissen Humanität, die sich vor allem in der Dimensionierung des Baukörpers und des Grundrisses (die Wohnungen bestanden aus Zimmer, Küche und WC auf knapp 35 m²) widerspiegelt. Mit den zwei Wohnhöfen und den akzentuierten, zurückversetzten Mauerecken bildet die Anlage eine durchwegs kompakte städtebauliche Lösung. Damit entsprach Wiesmann nicht nur dem gängigen Jargon der Zeit, sondern blieb auch seiner eigenen Handschrift treu. Die Straßen- und Hoffassaden mit den zeittypisch gleichmäßig gereihten Sprossenfenstern und dem einfärbigen Putzanstrich präsentieren sich ohne jegliche Form romantisch-expressiver Darstellung in ihrer nüchternen und sachlichen Selbstverständlichkeit, bekrönt durch ebenso einfache Satteldächer und schmal begrenzte, grün gestalte Innenhöfe.

... und die Kunst

Der Bildhauer, Maler und Zeichner Edmund Moiret (1883 - 1966) schuf für die Wohnhausanlage das keramische Wandrelief "Mutter mit Kindern", das an der Hausecke Troststraße/Leibnizgasse aufgestellt wurde. Bereits vor dem "Anschluss" 1938 zierte das Familienasyl die von Josef Heu (1876 - 1952) gefertigte Großplastik des Patrons "St. Josef", die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in der Ettenreichgasse aufgestellt wurde. Heu, der von 1930 - 1934 Präsident der österreichischen Gesellschaft für christliche Kunst war, durfte nach 1938 aufgrund der rassistischen Verfolgung seiner jüdischen Frau seine Arbeit nicht mehr ausüben. Er flüchtete darauf nach England, wo er bis zu seinem Tod blieb.

Der Name

Die seit 1875 bestehende Verbindung wurde nach Christian Joseph Ettenreich (1800 - 1875) benannt. Der Sohn eines Gastwirts absolvierte eine Metzgerlehre, besaß eine eigene Fleischerei in Wien, wurde später Kaufmann und wohlhabend, seit 1845 lebte er als Privatier. Am 18. 2 .1853 kam er Kaiser Franz Joseph I. zu Hilfe, der durch Janos Libényi mit Messerstichen lebensgefährlich bedroht wurde. Als Belohnung für seinen Heldenmut wurde der Hausbesitzer später in den Adelsstand erhoben. Ettenreich bekleidete auch das Amt des Direktors der Ersten Österreichischen Spar-Casse.

Das Familienasyl "St. Josef" wurde wie alle anderen Asyle nach einem Heiligen benannt.

Sanierung

von 1988 bis 1997

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen wurde die Wohnhausanlage bereits 1988/89 an die Fernwärme Wien angeschlossen. 1997 wurde eine Sockelsanierung durchgeführt. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, und die Fassade wurde mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Kosten beliefen sich auf 2.873.728 Euro, davon konnten 2.288.215 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Franz Wiesmann - Franz Wiesmann (1888-1959) studierte von 1907 bis 1913 an der Technischen Universität Wien. Nachdem er eine kurze Zeitspanne als freier Architekt in Baden tätig gewesen war, erhielt er 1914 eine Anstellung am Wiener Stadtbauamt und gehörte diesem bis zu seiner Pensionierung an. Zahlreiche Wohnhausanlagen der Zwischenkriegszeit entstanden nach seinen Plänen.

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