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Margarethe-Hilferding-Hof

Fakten

Margarethe-Hilferding-Hof

Leebgasse 100, 1100 Wien

Baujahr: 1928-1929

Wohnungen: 107

Architekt: Franz Zabza

Weitere Adressen

Dieselgasse 9, 1100 Wien

Reichenbachgasse 8, 1100 Wien

Van-der-Nüll-Gasse 89, 1100 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Die Wohnhausanlage liegt im Bezirksteil Inzersdorf-Stadt, der über Jahrhunderte zur selbständigen Gemeinde Inzersdorf gehörte. Ein kleiner Teil von Inzersdorf wurde bereits 1874 nach Wien eingemeindet, als südliche Stadtgrenze wurde damals die Inzersdorfer Straße festgelegt. Das südlich davon gelegene Gebiet war bis 1890 noch großteils unverbaut. Erst 1892 wurde Inzersdorf-Stadt vollständig von Inzersdorf abgetrennt und dem Wiener Gemeindebezirk Favoriten einverleibt, womit auch hier eine großflächige Verbauung mit Industrieanlagen und Wohnhäusern einsetzte, die bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. In den 1920er-Jahren wurden auf den noch freien Grundstücken, wie auch der Leebgasse 100, weitläufige, kommunale Wohnhöfe errichtet.

Die Architektur

Nach Plänen von Franz Zabza entstand Ende der 1920er-Jahre, stilistisch am Übergang zu den Gemeindebauten der 1930er-Jahre, die U-förmig konzipierte städtische Wohnhausanlage mit nach Osten liegendem, abgezäuntem Straßenhof und axial platziertem Gittertor. Die Fassade des siebengeschoßigen Baukörpers, regelmäßig und stringent auf allen Straßenseiten abgeschlossen, wird in der Van-der-Nüll-Gasse durch seitliche Loggienreihen und dazwischenliegende dreigeschoßige Erkergruppen vertikal gegliedert. Die abschließenden Rundbögen im Loggienverband und die mit Klinker verzierten Fenster im Mittelteil verleihen der Fassade nicht nur Repräsentativität, sondern erinnern durch die Bogenloggien auch ein wenig an die "süddeutsche" Münchner Bauschule. Die Sockelzone, teilweise das abschüssige Terrain ausgleichend, ist ebenfalls klinkerverziert. Die Erkertürme sind durch sich oberhalb und unterhalb der Fenster verkröpfende Gesimsbänder mit der Fassade verbunden. Der mit Gittern abgeschlossene Straßenblock verfügt an den Stirnseiten, an der Hauptfront sowie an der nach Süden ausgerichteten Fassade über Balkongruppen, deren strenge Symmetrie durch die regelmäßig angeordneten Maueröffnungen durchbrochen wird. In der Van-der-Nüll-Gasse sind die Geschäftslokalitäten situiert; der großzügige Straßenhof, in dessen Innerem die Plastik eines auf einer Schnecke reitenden Putto zu finden ist, ist gärtnerisch gestaltet und weist neben Sitzplätzen zum Verweilen auch einen Kinderspielplatz für die Allerkleinsten auf.

... und die Kunst

Für den Margarethe-Hilferding-Hof schuf der im Jahre 1874 geborene und seit 1904 in Wien ansässige Bildhauer und Medailleur Hugo Taglang 1931 ein Putto, auf einer Schnecke reitend. Von Taglang stammen ebenfalls die Bronzestatue des Wiener Oberbürgermeisters Dr. Karl Lueger, im Türkenschanzpark das Denkmal des Pianisten Leschetizky sowie das Robert-Schumann-Denkmal für Zwickau.

Der Name

Eine Gedenktafel am Bau erinnert an die ehemalige Favoritner Bezirksrätin Margarethe Hilferding (1871-1942). Ihr Vater war der jüdische Allgemeinarzt Paul Hönigsberg, sie selbst promovierte 1903 als eine der ersten Ärztinnen Wiens. 1904 heiratete sie den sozialistischen Ökonomen Rudolf Hilferding, den späteren Finanzminister der Weimarer Republik, und engagierte sich darauf in der sozialdemokratischen Bewegung. Nach dem Ersten Weltkrieg war Hilferding im "Verein für Individualpsychologie" aktiv, ab 1910 betrieb sie eine Privatpraxis für Allgemeinmedizin im 10. Bezirk. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte das Ehepaar Hilferding nicht mehr rechtzeitig emigrieren. Rudolf Hilferding wurde 1941 in Auschwitz ermordet, Sohn Karl Hilferding (1905 - 1942) im Lager Groß-Strelitz. Margaret(h)e Hilferding war zuletzt in einem Heim in 9. Bezirk (Seegasse) gemeldet und wurde am 28. Juni 1942 von Wien nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte den Weitertransport nach Maly Trostinec nicht und verstarb am 23. September 1942. Ihr zweiter Sohn Peter Milford floh mit Hilfe Karl Poppers nach Neuseeland und wurde britischer Staatsbürger.

Sanierung

von 1987 bis 1994

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 1987 bis 1990 erfolgte unter anderem auch der Anschluss an die Fernwärme Wien. Ein Fenstertausch erfolgte 1993/94. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 976.578 Euro, davon konnten 122.245 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Franz Zabza - Franz Zabza (1896-1933) studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und war bis zu seinem frühen Tod im Wiener Stadtbauamt tätig. Nach seinen Plänen wurden mehrere Gemeindewohnbauten errichtet. Der Margarethe-Hilferding-Hof (Leebgasse 100, Wien 10) ist wohl sein bedeutendstes Bauwerk.

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