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Bürgergasse 17-19

Fakten

Bürgergasse 17-19

Bürgergasse 17-19, 1100 Wien

Baujahr: 1926-1927

Wohnungen: 200

Architekt: Oskar Wlach

Weitere Adressen

Laaer-Berg-Straße 16-20, 1100 Wien

Gellertgasse 42-48, 1100 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Nach Plänen von Oskar Wlach und unter der Bauleitung des Wiener Stadtbauamtes entstand Mitte der 1920er-Jahre eine insgesamt zehn Stiegen beherbergende Wohnhausanlage mit Baukosten in Höhe von insgesamt 1,609.482,- Goldkronen. Die Hauseigentümerin, die Wiener Gebietskrankenkasse für Arbeiter und Angestellte, beherbergte in den Häusern drei bis fünf ihre Krankenkassenräume, ließ diese jedoch später in Posträume umändern. Während des Zweiten Weltkrieges entstanden im Bereich der Stiege 10 erhebliche Schäden, deren Behebung 1950 erfolgte. Im Allgemeinen stellte die Kriegsschädenbehebung den Altbestand wieder her, lediglich das Dachgeschoß wurde ausgebaut, um Raum für zusätzliche Wohnungen zu schaffen. Mitte der 1960er-Jahre schließlich wurden einige Lokale in ein Kinderambulatorium umgewidmet, das neben dem Postamt noch heute besteht.

Die Architektur

Die von drei Straßen (Bürgergasse, Laaer-Berg-Straße, Gellertgasse) begrenzte, fünf- bis sechsgeschoßige Wohnhausanlage der Gemeinde Wien wurde auf einer Gesamtfläche von fast 4.000 m² Grund mit quadratischem Grundriss in Form von zehn untereinander nicht verbundenen Häusern errichtet. Die verbaute Fläche nimmt ein Ausmaß von etwa 2.600 m² an, der Rest unterteilt sich in einen großen Gartenhof, einen kleinen Hof sowie einen großen und kleinen Lichthof. Die Häuser 3 und 4 bestanden ursprünglich aus je einem Kellergeschoß, Erdgeschoß und vier Obergeschoßen sowie einem Dachboden und hofseitig eingebauten Waschküchen, die Häuser 5 - 10 verfügten zusätzlich über ein Sockelgeschoß, Stiege 10 über einen Oberboden, sodass Raum für 206 Wohnungen und 10 Geschäftslokale geschaffen wurde. In der Laaer-Berg-Straße dominieren dreiteilige Sprossenfenster die Fassade, die durch einachsige, ausladende Erkerfolgen in kubischer Ausformung - im Hof werden diese durch Balkonreihen ersetzt - in ihrer rhythmischen Anordnung unterbrochen wird. Der Eingang in den Hof ist zentriert und mit einem Gittertor versehen. In der Erdgeschoßzone sind die Lokalitäten angesiedelt. Die Ansichten in der Gellertgasse und der Bürgergasse sind ebenso rhythmisch bestimmt und werden, wie an allen Fassaden, sehr stark horizontal durch umlaufende Gesimsbänder gegliedert. Sämtliche Haupt- und Kordongesimse, Fenster- und Türumrahmungen sind weit ausladend in Ziegel ausgelegt, durch Eisenkonstruktion und Betonplatten stark profiliert und in Kunststein gestockt. Die Mauerflächen wurden in Edelputz drei- bis vierfärbig ausgeführt. Jedes Wohnraumfenster besaß ursprünglich Bretteljalousien, jedes Fenster Blumenkisten. Zu jeder Wohnung gehörten ein Fenster und ein Dachbodenabteil. Sämtliche Stiegen außer Stiege 3 (Pfeilerstiege mit Wangen) sind freitragend mit Kunststeinstufen. Die Höfe (das abschüssige Terrain wurde terrassenartig durch Stiegenkonstruktionen überwunden) sind gärtnerisch ausgestaltet, haben rundherum Ruhegelegenheiten und beherbergen auch Kinderspielplätze; vier Teppichklopfstangen befinden sich im größeren Lichthof bei Stiege 10. In den Prinzipien der Hofraumbebauung und Grünraumgestaltung entspricht die Anlage durchaus der Tradition der Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit.

Der Name

Die seit 1872 existierende Verbindung wurde nach Gottfried August Bürger (1747 - 1794) benannt. Der deutsche Dichter, von dem unter anderem die berühmte Ballade "Leonore" stammt, war zeitlebens auch unter dem Pseudonym "Jocosus Hilarius" bekannt und übte neben einer Hochschulprofessur auch eine Funktion als Justizbeamter aus. Darüber hinaus war Bürger auch als Freimaurer tätig.

Sanierung

von 1993 bis 1995

Die Sanierung der Wohnhausanlage erfolgte in zwei Etappen 1988/89 und 1993 bis 1995. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, zudem wurde die Fassade mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Kosten beliefen sich auf 4.578.607 Euro, davon konnten 3.966.128 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Oskar Wlach - Oskar Wlach (1881-1963) studierte zunächst an der Technischen Hochschule Wien, an der er 1906 promovierte. Von 1906 bis 1907 war er an der Akademie der bildenden Künste Wien inskribiert, wo er die Meisterschule von Friedrich Ohmann besuchte. Als selbständiger Architekt ab 1907 arbeitete Wlach überwiegend mit Oskar Strnad und ab 1913 auch mit Josef Frank zusammen. Die Häuser Wildbrandgasse 3 und 11 in Wien 19 (beide mit Josef Frank und Oskar Strnad, um 1914) gehören zu den beeindruckendsten Zeugnissen der modernen Architektur in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit war er an der Realisierung mehrerer Wohnbauten für die Gemeinde Wien beteiligt, bevor er 1939 in die USA emigrierte.

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