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Lazarettgasse 6-12

Fakten

Lazarettgasse 6-12

Lazarettgasse 6-12, 1090 Wien

Baujahr: 1867-1900

Wohnungen: 85

Architekt: Karl Josef Rostock, Johann Friedl, Johann Freitag, Karl Quidenus

Wohnen in Wien

Im 19. Jahrhundert wuchs als Folge der massiven Industrialisierung die Arbeiterschicht stark an, die Einwohnerzahl Wiens explodierte, vor allem auch durch den Zuzug aus den ländlichen Gebieten der Donaumonarchie. Die nötigen Wohnungen wurden nahezu ausschließlich von Privaten gewinnorientiert gebaut. Mietskasernen mit so genannten "Bassena-Wohnungen" - Zimmer, Küche, Wasser und WC auf dem Gang - entstanden. Viele mussten diese kleinen Wohnungen (zwischen 20 und 30 Quadratmetern) noch mit Bettgehern und Untermietern teilen, um die Miete zahlen zu können. In den Jahren des Ersten Weltkrieges stagnierte die Bautätigkeit.

Geschichte

Der Komplex Lazarettgasse 6-12 besteht aus vier nebeneinander liegenden Häusern, die in der Zeit zwischen 1867 und 1900 durch unterschiedliche private Bauherren errichtet wurden. Das Haus Nr. 6 beherbergte seit seiner Errichtung ein Post- und Telegrafenamt, einige Wohnungen im Haus waren als Dienstwohnungen für dessen Beamte angemietet. Bis 1938 hatte auch der "Verein zur Erhaltung und Förderung der mensa academica judaica" hier seinen Sitz. Die Stadt Wien erwarb die vier gründerzeitlichen Gebäude im Laufe der 1970er-Jahre und legte sie zu einem Komplex zusammen. Im Erdgeschoß der Häuser 6-10 befindet sich heute das von DDr. Johannes Huber geleitete Frauengesundheitszentrum menox.

Die Architektur

Die vier Gebäude bilden einen Block der Lazarettgasse, die an dieser Stelle so angelegt ist, dass die Baulinie bei jedem der Häuser den Verlauf der Straße ein wenig verändert und einen leichten Knick ausbildet. Die Häuser verfügen über straßen- und hofseitig gelegene Trakte.
Offenbar sollte die Parzelle rechts des Hauses Lazarettgasse 6 ursprünglich ebenfalls verbaut werden, weshalb dieses Bauwerk nicht als Eckhaus angelegt wurde, sondern mit einer fensterlosen Feuermauer nach Nordwesten abschließt. Das Gebäude weist vier Geschoße und neun Achsen auf, wobei die mittlere stark verbreitert ist. Hier findet sich im Erdgeschoß die Einfahrt, in den darüber liegenden Stockwerken gibt es jeweils ein Doppelfenster. Die beiden mittleren Geschoße sind optisch zusammengefasst und von dem darunter bzw. darüber liegenden deutlich abgesetzt: Einerseits läuft über und unter dieser Mittelzone je ein Gesims über die gesamte Breite, andererseits sind ausschließlich in diesen beiden Etagen die Fenster durch Verdachungen im ersten Stock und Gesimse im zweiten hervorgehoben.
Die vier Stockwerke des Hauses Lazarettgasse 8 werden jeweils durch ein durchgehendes Gesims getrennt, wodurch die ohnehin schon erhebliche Breite von neun Achsen noch betont wird. Im Erdgeschoß, das dunkler als die darüber liegenden Stockwerke gestrichen wurde, ist die Fassade genutet. Das mittig angeordnete Portal stellt die einzige Unterbrechung der ansonsten rein additiv gestalteten Fassade dar. Dekor ist hier ausschließlich rund um die Fenster angebracht, wobei dieser im ersten Stock am üppigsten ausfällt, im zweiten Stock schon erheblich reduziert ist und im dritten nur noch äußerst sparsam eingesetzt wurde.
In dieser Zeile wurden relativ breite Parzellen verbaut, weshalb sich die Front des Gebäudes Lazarettgasse 10 über zehn Achsen erstreckt. Um dieses ungewöhnliche Verhältnis von Breite zu Höhe zu überspielen, wurde die Fassade um zwei Symmetrieachsen angelegt und durch die jeweils unterschiedliche Gestaltung der fünf Geschoße zusätzlich belebt. Das Erdgeschoß mit der Geschäftszone ist heute gelb gestrichen, allein dadurch setzt es sich stark von den darüber liegenden, rosa verputzten Etagen ab. Das Zwischengeschoß ist verhältnismäßig schlicht gestaltet. Die darüber liegenden Stockwerke sind durch ein durchlaufendes doppeltes Gesimsband deutlich abgesetzt und wesentlich aufwändiger dekoriert: Das zweite und dritte Stockwerk sind durch je zwei übereinanderliegende Erker zusammengefasst, während im vierten Stock die Fassadengestaltung wiederum etwas zurückhaltender ausfällt. Die beiden Erkertürme verfügen jedoch über Balkone.
Das zuletzt in dieser Zeile errichtete Haus Lazarettgasse 12 weist die reichhaltigste und ungewöhnlichste Fassade des Komplexes auf: Jedes der fünf Geschoße ist unterschiedlich gestaltet. Die Straßenfront ist weitgehend symmetrisch angelegt, indem an den Rändern Gebäudeteile optisch hervortreten, wobei der linke Teil eine einfache und der rechte eine doppelte Fensterachse umfasst. Im Dachgeschoß, das nunmehr ausgebaut ist, münden diese in abgetreppten Giebeln. Der mittlere Gebäudeteil erstreckt sich über acht Achsen, die beiden zentralen bilden im Erdgeschoß das Portal, dessen herrschaftlicher Charakter durch vorgelagerte Säulen betont wird: Gemeinsam mit den darüber liegenden Fenstern der Beletage tritt es als Mittelrisalit hervor. Die beiden untersten Geschoße sind von den oberen mit einem durchlaufenden Gesims abgesetzt und zeigen eine genutete Fassade, während das Mauerwerk in den höher gelegenen Etagen glatt verputzt ist. Im zweiten Stock wird die durchgehende Loggia durch je eine Arkade pro Fenster gebildet. Im dritten Stock finden sich nur an den Rändern einfache Bögen, die drei mittleren fassen je zwei Achsen zusammen. Auf dem Dach der Loggien sitzt im obersten Stock ein über den gesamten Mittelteil laufender Balkon.

Der Name

Die Straßenbeizeichnung erinnert an die Krankenanstalten, die seit dem Mittelalter hier bestehen. Johannes in der Siechenals errichtete in der Gegend bereits im 13. Jahrhundert ein Siechenhaus (=Infektionsspital).

Sanierung

von 1986 bis 1990

In der Wohnhausanlage wurde in den Jahren 1986 bis 1990 eine Sockelsanierung durchgeführt. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 6.334.673 Euro und konnten vollständig durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Karl Josef Rostock - Über die Ausbildung des Architekten und Stadtbaumeisters Karl Josef Rostock (1875-1916) gibt es keine Informationen. In Wien errichtete er unter anderem die Wohnhäuser Vorgartenstraße 179 und 181 in Wien 2 (1896) und Lazarettgasse 12 in Wien 9 (1900).

Johann Friedl - Der Stadtbaumeister Johann Friedl erbaute in der Zeit zwischen 1861 und 1885 einige Wohnhäuser in Wien, u. a. den heutigen Sitz der Gebietsbetreuung Margareten am Einsiedlerplatz 7. In Zusammenarbeit mit dem Maler Josef Kastner errichtete er die Klosterkirche der Schulschwestern in Wien 15, Fünfhausgasse 23.

Johann Freitag - Der Wiener Maurermeister Johann Freitag (1850/51-1912) erbaute mehrere Zinshäuser in den ehemaligen Wiener Vorstädten. Unter bestimmten Bedingungen war es im 19. Jahrhundert auch Maurermeistern in Wien gestattet, Häuser (jedoch keine Monumentalbauten) selbständig zu errichten.

Karl Quidenus - Der Stadtbaumeister Karl Quidenus (1839-1904) errichtete im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Wohn- und Geschäftshäusern in den Wiener Innenbezirken. Sein Sohn Franz wie auch dessen Söhne Franz und Carl waren ebenfalls Baumeister bzw. Architekten.

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