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Ginzkeyhof

Fakten

Ginzkeyhof

Johannesgasse 9-13, 1010 Wien

Baujahr: 1954-1955

Wohnungen: 55

Architekt: Ladislaus Hrdlicka

Wohnen in Wien

Ab 1949 war der Wohnbau zahlenmäßig wieder auf dem Niveau des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit. Doch noch war die Bevölkerung verarmt und oft obdachlos. Kleine Duplex-Wohnungen, die später zusammengelegt werden konnten, linderten schließlich die Wohnungsnot. 1951 wurde Franz Jonas, Sohn einer Arbeiterfamilie, Bürgermeister von Wien. In seine Amtszeit fiel die rege Bautätigkeit im Rahmen des Projektes "Sozialer Städtebau" ab 1952. Das 8-Punkte-Programm hatte die Trennung von Wohn- und Gewerbebereichen, eine Auflockerung der Wohnbereiche sowie die Assanierung einzelner Viertel zum Ziel. Die standardmäßige Ausstattung der Wohnungen wurde verbessert - alle neu gebauten Wohnungen waren mit Badezimmern ausgestattet und die Mindestgröße wurde von 42 m² auf 55 m² angehoben.

Geschichte

Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts war die internationale Hörerschaft der Wiener Hochschule so groß, dass sich sowohl die Universität selbst als auch wohlhabende Wiener Bürger veranlasst sahen, für die zumeist mittellosen Studenten "Bursen" einzurichten. Diese umfassten neben dem finanziellen Fonds auch die Gebäude zur Unterbringung. Bekannt waren vor allem jene, die auf dem Areal zwischen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz und Postgasse, dem Standort der heutigen "Alten Universität", gelegen waren: die Lammburse (gestiftet vom Bürger Czersdorf), die Rotenburse (gestiftet vom Magister Grünwalder) und die Schlesische Burse (gestiftet vom Breslauer Domherr Glewitz). Auf dem Fleischmarkt standen die Häuser der Lilienburse und der Coderia Goldberg - gegründet vom Magister der Theologie und Rektor der Universität Hans Goldberger. 1622 gingen sämtliche Bursen in den Besitz der Jesuiten über. Da das Haus der Coderia dabei in eine "Höhere Bildungsanstalt für den ungarischen Clerus" umgewandelt wurde, kam es zu einem Gebäudewechsel, sodass nun das Scholz’sche Haus in der Johannesgasse Nr. 975 (heute Nr. 13) der Goldberg’schen Coderia zugesprochen wurde. 1866 wurde ein Neubau errichtet, wobei auch dieser weiterhin die Bezeichnung "Goldberg" führte.
Der heutige Ginzkey-Hof wurde in den Jahren 1954/55 an der Stelle dieses seinerzeitigen Goldberg’schen Stiftungshauses erbaut.

Die Architektur

Das Wohn- und Geschäftshaus entstand nach Abtragung der Bombenruine des Goldberg’schen Stiftungshauses als achtgeschoßiger, zweiteiliger Bau mit ursprünglich 52 Wohnungen, vier Geschäftslokalen und einem Betriebsbereich für die städtische Straßenreinigung im Hoftrakt. Die Schauseite ist - wie das Gebäude insgesamt - symmetrisch aufgebaut. Die beiden an den Seiten vorgelagerten Vorbauten führen sowohl die Straßenfluchten als auch die verschiedenen Traufenhöhen der Nachbargebäude fort. Auf diese Weise nimmt Hrdlicka das stilbildende, der Architektursprache dieses Viertels entsprechende Element des Steildachs sichtbar in die ansonsten kubisch aufgebaute Front auf. Der Hauptteil der Fassade springt demgegenüber um ganze vier Meter zurück und bietet so Platz für die Auslagen der Geschäfte.
Die vertikale Gliederung in Sockelgeschoße (mit Geschäftseinbauten und Mezzanin) und Regelwohngeschoße wird durch eine zarte Bänderung mit abschließendem Gesims erreicht. Die Fenster sind glatt und regelmäßig in die Fassade eingeschnitten.

... und die Kunst

Der Fassadenschmuck, der über dem Eingangstor angebracht ist und fünf Studenten bzw. Wissenschafter in alter Tracht zeigt, erinnert an das seinerzeitige Goldberg’sche Stiftungshaus, welches "eine Burse für arme Studenten" war.

Der Name

Der neuromantische Lyriker und Novellist Franz Karl Ginzkey (1871-1963) war an der Gründung der Salzburger Festspiele beteiligt, deren Kuratorium er jahrzehntelang angehörte. Zwei seiner Werke erscheinen bis heute in Neuauflagen und zählen wohl zum Standardrepertoire jeder österreichischen Kinderzimmerbibliothek: "Hatschi Bratschis Luftballon" (1904) und "Florians wundersame Reise über die Tapete" (1931). Im Jahr 1957 wurden ihm sowohl der Große Österreichische Staatspreis als auch das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen.

Prominente Bewohner

Der österreichische Schriftsteller, Berufsoffizier und Kartograph Franz Karl Ginzkey (s.o.) wohnte von 1956 bis zu seinem Tod 1963 in diesem Haus.

Sanierung

von 1986 bis 1989

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 1986 bis 1989 erfolgte unter anderem auch der Lifteinbau. Die Kosten beliefen sich auf 89.388 Euro und konnten vollständig durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Ladislaus Hrdlicka - Ladislaus Hrdlicka (1910-1961) studierte Hochbau und Architektur an der Technischen Hochschule Prag. Nach dem Studium war er zunächst in Pressburg tätig und übersiedelte 1938 nach Berlin, wo er bei Baurat Erich Bohnen mit der Planung von NS-Siedlungsbauten in der Slowakei beauftragt war. 1947 kam Hrdlicka nach Wien. Hier entwarf er als selbständiger Zivilingenieur mehrere Wohnbauten für die Gemeinde Wien.

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