Mobile Version aus nicht mehr nachfragen

Siebenbrunnengasse 76-80

Fakten

Siebenbrunnengasse 76-80

Siebenbrunnengasse 76-80, 1050 Wien

Baujahr: 1936-1936

Wohnungen: 71

Architekt: Johann (Hans) Stöhr

Weitere Adressen

Einsiedlergasse 9-11, 1050 Wien

Wohnen in Wien

Zu Beginn der 1930er-Jahre wurde der kommunale Wohnungsbau durch die zunehmend schlechte Wirtschaftslage massiv eingeschränkt. Um für die arbeitslose Bevölkerung trotzdem Wohnraum und Beschäftigung schaffen zu können, ging die Stadt dazu über, am Stadtrand liegendes Bauland zu erschließen und so genannte "Erwerbslosensiedlungen" zur Verfügung zu stellen. Die Siedlungshäuser wurden von den späteren Bewohnern nach einem vorgegebenen Bebauungsplan selbst errichtet. Durch die Ausschaltung des Parlaments und die Einführung einer autoritären ständestaatlichen Verfassung verlor Wien 1934 den Status eines eigenen Bundeslandes. Der Wohnbau kam so gut wie zum Erliegen, und die Arbeitslosigkeit stieg weiter. Der wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung versuchte die Stadt entgegenzuwirken, indem sie Bauland zur Gründung autarker Wohneinheiten bereitstellte und so die Bewohner aus dem Elend der traditionellen Arbeiterbezirke an den grünen Stadtrand absiedelte.

Geschichte

Die christlich-soziale Stadtverwaltung errichtete ab 1935 in Anlehnung an den deutschen NS-Volkswohnungsbau in Wien sieben "Familienasyle" mit rund 830 Wohnungen, die zweckbestimmt an einkommensschwache und kinderreiche Familien übergeben wurden. Die Nutzungsdauer allerdings sollte begrenzt sein. Durch die Verschärfung der Wirtschaftskrise trat jedoch in den meisten Fällen keine Besserung der sozialen Lage ein, sodass diese zum dauerhaften Wohnungssitz wurden. Aufgrund der Verknappung der Mittel wurden die Asyle nur einfachst gebaut und fielen weit hinter den Standard früherer Wohnbauleistungen zurück.
Unter diesen Einrichtungen war auch das Familienasyl "St. Richard", das anstelle eines Waisenhauses der "Schwestern vom Guten Hirten" nach Plänen von Hans Stöhr, mit 76 Wohnungen zu den kleineren Anlagen zählend, errichtet wurde. 1908 verkaufte die Kongregation vom Guten Hirten die Klostergebäude in der Siebenbrunnengasse an die Gemeinde Wien. 1928 sollte die Kirche im Zuge des Wohnbauprogramms der Gemeinde der neuen Wohnhausanlage weichen - diese wurde schließlich Mitte der 1930-Jahre ohne Zerstörung der Kirche errichtet. Bis zum Jahr 1960 befand sich hier auch eine städtische Hausbadeanlage, die jedoch wegen zu geringer Frequenz und der stetig sinkenden Zahl der Badegäste bereits Jahre vor der endgültigen Auflassung provisorisch stillgelegt wurde.

Die Architektur

Die außergewöhnliche Blockrandbebauung flankiert die Herz-Jesu-Kirche in der Einsiedlergasse und bildet zur Siebenbrunnengasse hin eine wandartige Fläche aus, die durch Fassadenrücksprünge gekennzeichnet ist. Aufgrund der unterschiedlichen Geschoßhöhen von drei bis fünf Stockwerken bindet sich die Anlage gut in die umgebende Bebauung ein. Die Fassade an der Siebenbrunnengasse ist zwölf Achsen breit und durch dreiteilige Sprossenfenster charakterisiert. Ein umlaufendes Gesimsband trennt die Erdgeschoßzone von den oberen Etagen. Das Satteldach bleibt von der Straße aus fast unsichtbar und verleiht der Anlage eine kubische Wirkung. Über dem Hauseingang befindet sich eine Figur des Hl. Richard. Daneben erstreckt sich die einzige Loggienreihe des Gebäudes, die durch ihren dreieckigen Grundriss und die schrägen Mauerwände besonders auffällt.

Die beiden Gebäudetrakte in der Einsiedlergasse mit der mittig situierten Herz-Jesu-Kirche führen das Fassadenthema - gleichmäßig gereihte Fenster und einfacher Putzanstrich - weiter. Anstelle des umlaufenden Gesimsbandes werden hier die Sprossenfenster im Erdgeschoß durch zusammenführende Gesimse akzentuiert. Ein kleiner Fassadenrücksprung weist dezent auf den Nebeneingang hin. Der Haupteingang befindet sich in der Siebenbrunnengasse. Von dort aus sind auch die vier Stiegenhäuser hofseitig zu erreichen. Die miteinander verbundenen Innenhöfe der Anlage und des Pfarrhofes laden die Bewohner zu einer gemeinsamen Nutzung des Hofraumes ein.

... und die Kunst

In der Siebenbrunnengasse befindet sich über dem Haupteingang eine Plastik des Bildhauers Anton Endstorfer (1880-1960), die den Namensgeber der Anlage - den Heiligen Richard - darstellt.

In der Einsiedlergasse ziert die bildhauerische Darstellung von Jesus am Kreuz, ein Werk von Carl Wollek aus dem Jahr 1936, die Mitte des rechten Gebäudetraktes.

Der Name

Zu Beginn der Neuzeit, als sich Wien zu einem größeren Gemeinwesen entwickelt hatte, wurde um 1553 die erste belegte Wasserleitung, die "Siebenbrunner Hofwasserleitung", errichtet. Die Leitung versorgte die kaiserliche Burg Ferdinand I. sowie einige andere Gebäude der Inneren Stadt, später auch einen Gemeindebrunnen am Margaretenplatz im heutigen 5. Bezirk. Die Siebenbrunnengasse, deren Benennungsdatum unbekannt ist, wie auch die Siebenbrunnenfeldgasse (1904) erhielten ihren Namen von den "sieben Brunnen", in denen das Wasser gesammelt und in die Stadt geleitet wurde.

Das Familienasyl "St. Richard" wurde - wie alle anderen Asyle - nach einem Heiligen benannt.

Sanierung

von 2001 bis 2003

Die Wohnhausanlage wurde in den Jahren 2001 bis 2003 saniert. Neben der Instandsetzung der Fassade konnten durch die Erneuerung der Fenster und Türen die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Außerdem wurde die Anlage an die Fernwärme Wien angeschlossen. Die Kosten beliefen sich auf 552.200 Euro, davon konnten 9.388 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Johann (Hans) Stöhr - Johann (Hans) Stöhr (1897-1981) studierte Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Nach seinem Studium trat er in das Wiener Stadtbauamt (MA 19) ein, dessen Leiter er bis 1963 war. In dieser Funktion war er vor allem in der Zeit des Wiederaufbaus an der Errichtung zahlreicher kommunaler Bauten beteiligt. So wurden ein Teil der Stadtrandsiedlung Leopoldau in Wien 21 und der Bauteil Ost der Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien 10 nach seinen Entwürfen errichtet. 1950 wurde seine berufliche Tätigkeit in dokumentierter Form als Dissertation an der TU Wien anerkannt.

  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf Twitter
  • Teilen auf Google+