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Marianne und Oscar-Pollak-Hof

Fakten

Marianne und Oscar-Pollak-Hof

Dunantgasse 10-18, 1210 Wien

Baujahr: 1959-1961

Wohnungen: 118

Architekt: Alois Brunner, Josef Horacek

Wohnen in Wien

In den 1950er-Jahren ging es vor allem darum, Zerstörtes wieder aufzubauen und viele neue Wohnungen zu errichten. In den kommunalen Wohnbauten dieser Zeit finden sich die ersten Ansätze der sich später durchsetzenden Zeilenbauweise, die bis heute die großen Vorstadtsiedlungen prägt. Die Wohnbauten wurden größer, höher und waren verstärkt in Blockform gestaltet. Das Flachdach setzte sich durch. Alle neu gebauten Wohnungen waren mit Badezimmern und WC ausgestattet und die Mindestgröße wurde von 42 auf 55 Quadratmeter angehoben.

Geschichte

Das Grundstück liegt in der Nähe einer alten Schienenstrecke der ehemaligen Kaiser-Ferdinand-Nordbahn und war Teil eines frühen Wiener Industriegebietes. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich bereits im 18. Jahrhundert die Mautner-Markhof-Brauerei. Die "St. Georgs-Brauerei" erzeugte hier bis 1926 das mehrfach ausgezeichnete St.-Georgs-Märzenbier. Infolge einer Fusionierung ab 1913 ging die Anlage in den Besitz der "Vereinigte Brauereien Schwechat, St. Marx, Simmering AG" über.
Zwischen 1944 und 1945 gab es in Floridsdorf zwei Dependancen des Konzentrationslagers Mauthausen. Eines dieser Lager war in den Räumlichkeiten der St.-Georgs-Brauerei untergebracht. Es handelte sich dabei um ein Männerlager, Genaueres über die Insassen und deren Zahl ist jedoch nicht bekannt. Heute erinnert nur noch ein Mahnmal an der Prager Straße an deren traurige Geschichte.
Bombentreffer während des Zweiten Weltkrieges zerstörten große Teile der Gebäude auf dem Gelände zwischen Dunantgasse und Prager Straße. Entlang der Dunantgasse befand sich ein Militärbarackenlager; die Gebäude wurden 1955 gesprengt und abgetragen. Die Gemeinde Wien erwarb das Grundstück und ließ in zwei Bauetappen ab 1958 den heutigen Wohnkomplex errichten. Unterschiedliche Architekten kamen dabei zum Einsatz. Die Anlage wurde durch zahlreiche Umbauten laufend adaptiert. Der erste Bauteil ist von der Prager Straße 31 aus zugänglich.

Die Architektur

Die Wohnhausanlage in der Dunantgasse 10-18 ist der zweite Bauteil des nach Marianne und Oskar Pollak benannten Hofes. Sie besteht aus fünf frei stehenden Doppelhäusern mit je zwei gekoppelten Stiegen. Die viergeschoßigen Baukörper liegen mit ihrer Schmalseite an der Dunantgasse und sind zueinander etwas versetzt, jedoch annähernd parallel angeordnet. Der Eingang zu den Stiegenhäusern liegt nordseitig. Die Lage der Eingänge wurde architektonisch besonders betont und strukturiert dadurch die schlichten Fassaden. Die Eingangsbereiche sind durch vertiefte, farblich differenzierte Wandfelder hervorgehoben, die bis an das Hauptgesims heranreichen. Richtung Südwesten sind die Blöcke mit Balkonen ausgestattet, welche mittig dreireihig und seitlich einreihig an vertieft eingelassenen Fassadenfeldern ansetzen. Oberhalb des schmalen Sockelpodestes bleiben die Fassaden ansonsten glatt und werden nur durch Rechteckfenster durchbrochen. An den nach Osten und Westen ausgerichteten Schmalseiten bilden die Außenmauern bis auf wenige Fensteröffnungen geschlossene Fronten. Die bereits in die Planung mit einbezogene mehrfarbige Gestaltung der Anlage und deren heutige Umsetzung lockert die Fassaden der sonst schlichten Blöcke auf. Die Hauptgesimse der Giebeldächer sind durchgängig ausgeführt. Wohnkomfort und die funktional konzipierte, öffentliche Grünanlage sowie die Koppelung der Stiegen zu frei stehenden Zeilen sind wesentliche Merkmale der Anlage.

... und die Kunst

In der Dunantgasse steht auf einem Rasenstück vor der Wohnhausanlage eine 4,2 m hohe Stele mit Mosaiken (1959/60), gestaltet vom Künstler Hans R. Pippal. Die Stele ist auf allen vier Seiten mit abstrakten Darstellungen ausgefüllt und trägt den Schriftzug "Henri Dunant, 1828-1910, Gründer des Roten Kreuzes". Damit wird an den Namensgeber der Dunantgasse erinnert.

Der Name

Benannt ist die Wohnhausanlage nach dem Ehepaar Marianne (1891-1963, geb. Springer) und Oscar Pollak (1893-1963). Oscar Pollak wurde nach dem Ersten Weltkrieg Londoner Korrespondent der Arbeiter-Zeitung und arbeitete gemeinsam mit seiner Frau Marianne ab 1923 im Sekretariat der Sozialistischen Internationalen in London. Nach ihrer Rückkehr nach Wien 1926 stieg er bald zum Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung auf, Marianne Pollak wurde Herausgeberin der Zeitschrift "Das kleine Blatt" und engagierte sich aktiv in der Frauenbewegung. Oscar Pollak war 1934 Mitbegründer der Revolutionären Sozialisten. Als die politische Lage zu gefährlich wurde, musste das Ehepaar das Land jedoch verlassen. 1940 kamen sie schließlich wieder nach London, wo Oscar Pollak das Büro der Österreichischen Sozialisten in Großbritannien mit aufbaute. 1945 kehrte das Ehepaar nach Wien zurück. Oscar Pollak übernahm wieder die Leitung der Arbeiter-Zeitung, wobei er klare Stellung für die Unabhängigkeit Österreichs bezog. Marianne Pollak wurde 1945 in den Nationalrat gewählt, dem sie bis 1959 angehörte. Sie war Mitglied des Frauen-Zentral-Komitees, Chefredakteurin der Zeitschrift "Die Frau", Vorstandsmitglied der Journalistengewerkschaft sowie Mitglied der beratenden Versammlung des Europarates.

Sanierung

von 2007 bis 2008

Der Marianne-und-Oscar-Pollak-Hof wurde in den Jahren 2007 und 2008 saniert. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, und die Fassade wurde mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Gesamtkosten betragen 1.308.800 Euro, 412.225 Euro konnten durch einen Landeszuschuss gedeckt werden.

Architekten

Alois Brunner - Alois Brunner (1921-1983) studierte von 1937 bis 1943 Architektur bei Franz Schuster an der Hochschule für angewandte Kunst Wien. Nach dem Studium arbeitete er zunächst bei verschiedenen Baufirmen mit und machte sich 1950 als Architekt selbständig. Zu Beginn war Alois Brunner vorwiegend im Wiederaufbau tätig. Zahlreiche Wohn- und Geschäftsbauten wurden nach seinen Entwürfen errichtet, wie etwa für die Gemeinde Wien die Wohnhäuser Vollbadgasse 1 in Wien 17 (1962-1964) und Krottenbachstraße 40 in Wien 19 (1966-1970).

Josef Horacek - Josef Horacek (1911-1993) studierte zunächst Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Clemens Holzmeister. Im Anschluss daran war er an der Hochschule für angewandte Kunst inskribiert, wo er von 1933 bis 1937 unter anderem bei Josef Hoffmann studierte, in dessen Büro er auch beschäftigt war. Horacek arbeitete hier sowohl an Architekturentwürfen als auch an der Detailplanung von Kleinmöbeln oder der Ausführung eines Faltsesselprototyps. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Schwerpunkt seiner Arbeit im Wohnbau, des Öfteren im Auftrag der Stadt Wien.

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