Mobile Version aus nicht mehr nachfragen

Drorygasse 8

Fakten

Drorygasse 8

Drorygasse 8, 1030 Wien

Baujahr: 1924-1925

Wohnungen: 110

Architekt: Karl Badstieber

Weitere Adressen

Göllnergasse 37, 1030 Wien

Dietrichgasse 28-30, 1030 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Der Wohnbau wurde auf dem ehemaligen Gelände der "Wällischen Gärten" errichtet, die bis ins 19. Jahrhundert ein wichtiger Versorgungsfaktor für die Wiener Bevölkerung waren. Die Gründe gehörten zum Besitz der aus Verona stammenden Oria della Scala. 1445 schenkte sie die Gartenanlagen dem Augustinerorden. Zum Gedenken der aus dem "Welschland" stammenden Stifterin wurden diese bis zur Verbauung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts als "Wällische Gärten" bezeichnet.

Die Architektur

Die Wohnhausanlage erstreckt sich von der Göllnergasse über die Drorygasse zur Dietrichgasse. Der Eingang wird von dem zurückversetzten Mittelblock überfangen, der von drei Spitzgiebeln bekrönt wird. Spitz vorgezogene Wandvorlagen und spitze Fenstergiebel betonen diesen Teil zusätzlich. Seitlich der Einfahrt wird der Bau über zwei Fensterreihen vorgezogen und leitet zu den abgestuften Seitenblöcken über, die jeweils mit einer spitz vorgezogenen und turmartig überhöhten Erkerachse versehen sind. An den Seitenfronten befindet sich ebenfalls jeweils eine Erkerachse. Leicht zurückversetzte und überhöhte Baukörper gliedern die Seitenfassaden in mehrere Abschnitte. Aufgesetzte Dreiecksgiebel und spitze Fensterbekrönungen betonen jeweils die zentralen Achsen. Durch die tonnengewölbte Einfahrt gelangt man in den schlichten Innenhof, dessen Erdgeschoß an der Einfahrtsseite in Arkaden aufgelöst ist. Der Dekor reduziert sich im Hof auf die ersten beiden Geschoße. Die Stiegenhäuser sind turmartig vorgezogen und wurden zum Teil durch Aufzugsanbauten erweitert.

... und die Kunst

Die Fassaden sind reich mit Dekor wie Relieffeldern und Fenstergiebeln überzogen, die dem monumental hochgestuften Bau eine weiche, romantisierende Hülle geben. Ein überraschendes Detail ist der Eckpfeiler mit Kapitell an der Ecke zur Dietrichgasse. Er scheint wie der Arkadengang und das Tonnengewölbe der Kirchenarchitektur entliehen zu sein. Die zweifarbige Gestaltung betont den mehrschichtigen Fassadenaufbau, der die gesamte Masse in unruhige Bewegung versetzt. Die scharfen Dreiecksgiebeln und spitzen Erkerachsen entsprechen der expressionistischen Architektur der 20er-Jahre.

Der Name

Benannt ist die Wohnhausanlage nach der ehemaligen Vorstadt. 1302 wird erstmals der Name "Landstraße" in einer Urkunde erwähnt. Bezeichnet wurde damit die Straße, die vom Stubentor direkt nach Ungarn führte. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde vor dem Stubentor das St. Nikolai-Kloster gegründet, um das sich eine Vorstadt bildete, die als "An der Landstraß" bezeichnet wurde. 1850 wurde Landstraße mit den Vorstädten Erdberg und Weißgerber zum Wiener Gemeindebezirk Landstraße zusammengelegt.

Prominente Bewohner

Der Widerstandskämpfer Roman Felleis (1903-1944) wohnte vorübergehend an dieser Adresse. Er starb 1944 während eines amerikanischen Bombenangriffes im KZ Buchenwald. Nach ihm ist die städtische Wohnhausanlage Hagenmüllergasse 32 benannt.

Franz Schuster (1904-1943) wurde ebenfalls aufgrund seiner politischen Gesinnung verfolgt. Er kam 1943 im KZ Buchenwald ums Leben. Die Wohnhausanlage Hagenmüllergasse 14-16 trägt seinen Namen.

Auch Maria Jacobi (1910-1976) wohnte vorübergehend hier. Sie war bereits vor dem 2. Weltkrieg Obfrau der sozialdemokratischen Arbeiterjugend. 1945 wurde sie Mitglied des Wiener Gemeinderates. In ihrer Funktion als erste amtsführende Stadträtin Wiens (1959-1973) widmete sie sich vor allem der Errichtung sozialer Einrichtungen.

Otto Rudolf Schatz (1900-1961) zählt zu den wichtigen österreichischen Malern der Zwischenkriegszeit. 1938 wurde ein Berufsverbot über ihn verhängt, weshalb er nach Prag emigrierte. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er nach Österreich zurück und wurde Mitglied der Secession.

Sanierung

von 2000 bis 2001

In der Wohnhausanlage wurde in den Jahren 2000 und 2001 eine Sockelsanierung durchgeführt. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, und die Fassade wurde mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Außerdem wurde das Haus an die Fernwärme Wien angeschlossen. Die Kosten beliefen sich auf 3.801.100 Euro, davon konnten 2.874.582 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Karl Badstieber - Karl Badstieber (1875-1942) studierte von 1898-1901 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg errichtete Badstieber als selbständiger Architekt zahlreiche Wohnhäuser für das Großbürgertum in Wien. Bis 1929 war er als Architekt für die Südbahngesellschaft tätig, für deren Bedienstete er in Wien und der Steiermark Wohnhäuser erbaute. Im Auftrag der Gemeinde Wien errichtete er drei Wohnhausanlagen. 1908 entstand das heute im Burggarten aufgestellte Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal nach seinen Entwürfen.

  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf Twitter
  • Teilen auf Google+