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Bäckerstraße 9

Fakten

Bäckerstraße 9

Bäckerstraße 9, 1010 Wien

Baujahr: 1951-1952

Wohnungen: 26

Architekt: Johann (Hans) Stöhr

Weitere Adressen

Windhaaggasse 1, 1010 Wien

Sonnenfelsgasse 10, 1010 Wien

Wohnen in Wien

Ab 1949 war der Wohnbau zahlenmäßig wieder auf dem Niveau des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit. Doch noch war die Bevölkerung verarmt und oft obdachlos. Kleine Duplex-Wohnungen, die später zusammengelegt werden konnten, linderten schließlich die Wohnungsnot. 1951 wurde Franz Jonas, Sohn einer Arbeiterfamilie, Bürgermeister von Wien. In seine Amtszeit fiel die rege Bautätigkeit im Rahmen des Projektes "Sozialer Städtebau" ab 1952. Das 8-Punkte-Programm hatte die Trennung von Wohn- und Gewerbebereichen, eine Auflockerung der Wohnbereiche sowie die Assanierung einzelner Viertel zum Ziel. Die standardmäßige Ausstattung der Wohnungen wurde verbessert - alle neu gebauten Wohnungen waren mit Badezimmern ausgestattet und die Mindestgröße wurde von 42 m² auf 55 m² angehoben.

Geschichte

Ein Gebäude wird an diesem Ort erstmals 1371 nachweislich genannt. 1648 erwarb Graf Joachim Enzmilner von Windhaag, eine der bedeutendsten Unternehmerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, den Folgebau aus dem Jahr 1559. 1682, vier Jahre nach seinem Tod, wurde dieser zum so genannten Windhaag’schen Stiftshaus und ging 1896 an die Gemeinde Wien.
Das jetzige Wohnhaus in der Bäckerstraße 9 wurde in den Jahren 1951/52 aus Mitteln des Wohnhaus-Wiederaufbaufonds an der Stelle des 1944 durch Bomben beschädigten Stiftungshauses errichtet.

Die Architektur

Nach Abbruch des Altbestandes - eines im Krieg beschädigten Renaissance-Arkadenhauses - wurde zu Beginn der 1950er-Jahre unter Einhaltung der bestehenden Baufluchten ein viergeschoßiges Wohn- und Geschäftshaus errichtet. Dabei wurden die Fundamente und Kellermauern des ursprünglichen Baus belassen und das neue Gebäude auf einer Stahlbetonplatte daraufgesetzt. Der Architekt wählte eine konventionelle Blockrandbebauung in verputzter Ziegelbauweise, um sich den ästhetischen Vorgaben der historischen Umgebung möglichst anzupassen. Außerdem war in jenen Nachkriegsjahren die Verwendung von - in großen Mengen vorhandenem - Bauschutt naheliegend.
Das bereits damals unter Denkmalschutz stehende Steinportal des Hauseinganges wurde in die Straßenansicht Bäckerstraße integriert, ebenso die anschließende Gedenktafel, der plastische Schmuck der Stuckumrahmung und die Muttergottesstatue. Der aus Klein- und Kleinstwohnungen bestehende Bau verfügt über zwei Stiegenhäuser.
Das Gebäude ist bis heute nahezu unverändert; lediglich das Dachgeschoß wurde durch einen im Jahr 1980 genehmigten Wohnungseinbau verändert. Dabei wurden sechs von der Bäckerstraße aus sichtbare Dachgaupen eingebaut, während an der Frontseite zur Windhaaggasse lediglich unauffällige Dachflächenfenster verwendet wurden.

... und die Kunst

Von dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Renaissance-Arkadenhaus wurden das Portal - aus dem Jahr 1559 - und eine Muttergottesstatue in die Fassade des Neubaus mit einbezogen. Das mit drei Wappen geschmückte Steinportal trägt die Inschrift:
"Motus Johannes de Thaw Genitoris honore
Qui placida functus morte Gerhardus erat
Condidit has aedes quas instauravit ut isto
Posteritas posset grata labore frui. M D L I X."
Diese Inschrift aus dem Jahr 1559 deutet darauf hin, dass Hanns von Thaw, jener "berühmte Stadtrichter", der über zehn Jahre lang - in der Zeit zwischen 1570 und 1589 - "Bürgermeister zu Wien" war, die Liegenschaft von seinem Vater Gerhard von Thaw geerbt hatte und das Haus darauf neu erbauen ließ.

Der Name

Die Bäckerstraße bildet die südliche Begrenzung einer hochmittelalterlichen Handelsvorstadt vor dem Ungartor. Dieser alte Siedlungskern bestand seit dem 11. Jahrhundert und erstreckte sich zwischen Wollzeile und Fleischmarkt. Seit dem 14. Jahrhundert übten hier mehrere Bäcker ihr Gewerbe aus. Die Straße erhielt jedoch erst im 18. Jahrhundert eine direkte Verbindung zur Dominikanerbastei; aus diesem Grund erlangte sie niemals dieselbe Bedeutung wie die Wollzeile, welche von jeher auf ein Stadttor - das Stubentor - zuführte.
Die in der Bautafel angeführte Bezeichnung Windhaag’sches Stiftshaus, welche der Vorgängerbau trug, ist auf dessen ursprünglichen Besitzer, Graf Joachim Enzmilner von Windhaag, zurückzuführen. Er war eine der bedeutendsten Unternehmerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Zu seinen zahlreichen Besitzungen zählte unter anderem die Herrschaft Windhag (Windhaag) im Mühlviertel, die er 1636 erwarb. 1653 kaufte er die Herrschaft Reichenau am Freiwald im nordwestlichen Niederösterreich mit dem Ort Großpertholz, danach erwarb er Großpoppen im Waldviertel und 1658 kaufte er schließlich auch die Herrschaften Rosenburg und Neunzen.

Prominente Bewohner

1840, drei Jahre nach seiner Hochzeit mit Amalie Mohaupt, zieht der 35-jährige Adalbert Stifter in das Wohnhaus in der Bäckerstraße 9. In diesem Jahr erscheint sein Text "Der Condor" in der "Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode".

Sanierung

von 1988 bis 1989

Im Zuge von Sanierungsmaßnahmen in den Jahren 1988 und 1989 erfolgte unter anderem auch der Anschluss an die Fernwärme Wien. Die Kosten beliefen sich auf 60.391 Euro, davon konnten 48.313 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Johann (Hans) Stöhr - Johann (Hans) Stöhr (1897-1981) studierte Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Nach seinem Studium trat er in das Wiener Stadtbauamt (MA 19) ein, dessen Leiter er bis 1963 war. In dieser Funktion war er vor allem in der Zeit des Wiederaufbaus an der Errichtung zahlreicher kommunaler Bauten beteiligt. So wurden ein Teil der Stadtrandsiedlung Leopoldau in Wien 21 und der Bauteil Ost der Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien 10 nach seinen Entwürfen errichtet. 1950 wurde seine berufliche Tätigkeit in dokumentierter Form als Dissertation an der TU Wien anerkannt.

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