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Robert-Blum-Hof

Fakten

Robert-Blum-Hof

Engerthstraße 110-118, 1200 Wien

Baujahr: 1923-1924

Wohnungen: 249

Architekt: Erich Franz Leischner, Hubert Gessner

Weitere Adressen

Vorgartenstraße 73-79, 1200 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Die Wohnanlage befindet sich auf dem Gebiet der ehemaligen Ortschaft "Zwischenbrücken". Diese war unabhängig von Brigittenau entstanden, als die Donau noch unreguliert war und die Taborbrücke errichtet wurde. 1900 wurde Brigittenau vom II. Bezirk getrennt und mit Zwischenbrücken zum XX. Wr. Gemeindebezirk zusammengefasst. Mit Beginn des "Fünfjahresplans" zur Wohnungsbeschaffung 1923 sollte dieses Areal rigoros verbaut werden. Zwischen einem bestehenden Kindergarten der Stadt Wien im Nordwesten und Feuermauern von Althäusern in der Traisengasse im Südosten standen acht nebeneinander befindliche Bauplätze in Engerthstraße und Vorgartenstraße zur Verfügung. Ein einheitlicher Ausbau dieser Grundstücke erschien sinnvoll. Der Robert-Blum-Hof in seiner heutigen Form einander spiegelnder Bauteile entlang der beiden Straßenzüge wurde in mehreren Bauetappen verwirklicht. Ein Ergänzungsbau in der Engerthstraße 110, auf einem ehemals dem Kindertagesheim zugehörigen Grundstück, wurde von Hubert Geßner gesondert geplant, da hier zunächst ein Tochterbetrieb der "Hammerbrotwerke" vorgesehen war. Die 1924 fertiggestellte Anlage wurde während des Zweiten Weltkrieges teilweise zerstört und 1948 wieder aufgebaut. Von den in den 1940er-Jahren in der Engerthstraße noch vorhandenen, ursprünglichen Geschäften, einer Dampfbäckerei und einem Tabakladen, ist heute noch die Trafik übrig.

Die Architektur

Die große Anlage verfügt über einen parkartig gestalteten Innenhof, der nach allen Seiten abgeschlossen ist. Während der Bau in der Engerthstraße 112-118 symmetrisch zum Mitteleingang aufgebaut ist, weicht die Gliederung des rechten Seitenflügels in der Engerthstraße 110 deutlich von den übrigen Bauteilen ab. Dieser Bauteil ist der von Hubert Gessner gestaltete, in sich klassisch gegliederte Teil der Anlage. Er weist eine eigene Symmetrie zu einem weit vor die Baulinie versetzten, turmartigen Mittelrisalit mit verglastem Stiegenhaus auf. An den Seiten befindet sich je ein Risalit, das Dach ist mittig mansardenartig geöffnet. Die gesamte erhöhte Sockelzone ist als Geschäftsbereich ausgebaut und durch ein Gesims sowie eine sehr detaillierte Gestaltung von dem darüber liegenden Wohnbereich abgesetzt.

Die übrigen Bauteile entlang der Engerthstraße bilden ebenfalls ein in sich geschlossenes symmetrisches Ensemble. Die Fassade ist hier fünfteilig. Ein etwas zurückversetzter fünfgeschoßiger Mitteltrakt mit rundbogigem Haupteingang und Reihen von gleichfalls rundbogig geöffneten Loggien an den Seiten, stellen das Zentrum dieser Fassade dar. Die Seitenteile sind diesem gegenüber etwas nach vorne versetzt, sodass ein schmaler Vorhof entsteht. Fünfgeschoßige Bauteile mit flachen, über die Ecke reichenden Erkern flankieren diesen mittigen Eingangsbereich. Die äußersten Seitenteile sind sechsgeschoßig, verfügen über eigene rundbogige Eingänge, über denen mittig kleine Rechteckfenster von gemeinsamen Sohlbankgesimsen zusammengefasst sind.

Die Fassadengestaltung entlang der Vorgartenstraße ist nahezu ident. Hier ist jedoch die gesamte Baulinie gegenüber der Straßenflucht weiter zurückversetzt, sodass ein dem Straßennamen entsprechender Vorgarten entsteht. Die Wohnanlage ist auch im Inneren sehr detailliert und abwechslungsreich gestaltet. Die in ihrer Höhe differenzierten Walmdächer mit spitzen Dacherkern schaffen eine ansprechende Fortführung der mehrteiligen Fassadengliederung.

... und die Kunst

Abgesehen von den in die Architektur integrierten Supraporten, befindet sich über dem Haupteingang in der Engerthstraße eine exzentrisch gestaltete Porträtplastik Robert Blums von Mario Petrucci (1953). Sie stellt einen Ersatz für das von den Nationalsozialisten entfernte und zerstörte Denkmal von Florian Josephu (1932) dar.

Der Name

Der Hof wurde nach Robert Blum (1807-1848) benannt. Der aus Deutschland stammende Sohn einer Handwerkerfamilie besuchte zunächst ein Gymnasium, musste dieses aber aus finanziellen Gründen abbrechen und erlernte bis 1826 das Gelbgießerhandwerk. Als er 1930 in Köln Theaterdiener wurde, war dies ein Wendepunkt in seinem Leben. Er fand Kontakt zu kulturellen Kreisen, und durch die Julirevolution beeinflusst entwickelte er sich zu einem liberalen Publizisten. Bald geriet er mit der Zensur in Konflikt und wurde zu einem Begriff in der freiheitlichen Bewegung des Vormärzes in Sachsen. Er galt als einer der führenden Köpfe der radikal-liberalen sächsischen Opposition. Als im Revolutionsjahr 1848 in Frankfurt am Main ein "Vorparlament" gewählt wurde, war Robert Blum der Sprecher der republikanischen Linken und Vizepräsidenten der Versammlung. Im Oktober 1848 wurde er mit einer Sympathieadresse der Liberalen ins revolutionäre Wien gesandt, wo er sich aktiv am Kampf gegen die kaiserlichen Truppen beteiligte. Nach der Einnahme Wiens durch Feldmarschall Windischgrätz wurde Robert Blum auf Anweisung Fürst Schwarzenbergs in der Brigittenau standrechtlich erschossen.

Sanierung

von 2006 bis 2008

Im Robert-Blum-Hof wurde in den Jahren 2006 bis 2008 eine Sockelsanierung durchgeführt. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, und die Fassade wurde mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Kosten für die Sanierung betrugen 12.305.600 Euro, davon konnten 8.491.696 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Erich Franz Leischner - Erich Franz Leischner (1887-1970) studierte Architektur an der Technischen Hochschule Wien, u. a. bei Carl König. Bereits ab 1911 bis zu seiner Pensionierung 1949 war er für das Wiener Stadtbauamt tätig. Für das Rote Wien erbaute er neben zahlreichen Wohnhausanlagen unter anderem auch das Kongressbad (1928). In den 1930er-Jahren wurde nach seinem Konzept (gemeinsam mit Alfred Fetzmann) die Höhenstraße angelegt. Ab 1949 war er als selbständiger Architekt tätig. In dieser Zeit entstanden unter anderem die Rotundenbrücke (1953-1955) und die Salztorbrücke (1960-1961) nach seinen Entwürfen.

Hubert Gessner - Hubert Gessner (1871-1943) war bereits in verschiedenen Büros als Bauzeichner tätig, bevor er 1894 sein Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste bei Otto Wagner begann. 1904 gründete er mit seinem Bruder Franz Gessner das Architekturbüro Gessner & Gessner. Schon früh im Umfeld der Sozialdemokratischen Partei tätig wurden ihm durch Viktor Adler und Karl Renner erste wichtige Bauaufträge vermittelt. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg errichtete er neben Villen vor allem auch Arbeiterwohnheime und Gewerkschaftseinrichtungen in Wien und Niederösterreich, wie etwa das heute als Hotel genützte Arbeiterwohnheim Favoriten (Laxenburger Straße 8-10, Wien 4). In den 1920er- und 1930er-Jahren war Gessner einer der wichtigsten Architekten des Wiener Wohnbaus.

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