Mobile Version aus nicht mehr nachfragen

Ernst-Theumer-Hof

Fakten

Ernst-Theumer-Hof

Gerasdorfer Straße 55, 1210 Wien

Baujahr: 1983-1985

Wohnungen: 633

Architekt: Rudolf Felix Weber, Alfred Viktor Pal, Engelbert Eder, Reiner Wieden

Weitere Adressen

Anton-Schall-Gasse 8, 1210 Wien

Koschiergasse 2, 1210 Wien

Wohnen in Wien

Ab den 1980er-Jahren bildeten ein neuer Stadtentwicklungsplan und ein Stadterneuerungsfonds die Grundlage für eine sanfte Stadterneuerung Wiens. 36 Prozent der Sanierungsgelder flossen in Gemeindebauten. So konnten die berühmtesten Gemeindebauten aus der Zwischenkriegszeit, wie z. B. der Karl-Marx-Hof, saniert werden. Darüber hinaus fanden für Neubauten Wettbewerbe statt, um möglichst viele neue Ideen in die Architektur einzubringen.

Geschichte

Der Ernst-Theumer-Hof wurde nordöstlich des ehemaligen Straßendorfes Großjedlersdorf errichtet, im Grenzbereich von "Schotter-Feld" und "Hirsch-Feld". Erstmals urkundlich erwähnt wurde Großjedlersdorf um 1150 als "Vrliugestorf". Die Ortschaft lag ursprünglich in der Mulde eines verlandeten Donauarms, direkt an der Brünner Straße, diese wurde aber im Zuge der Neutrassierung unter Kaiser Karl VI. ab 1728 weiter nach Osten verlegt. Im Jahre 1904 erfolgte die Eingemeindung der bis dahin selbständigen Gemeinde Großjedlersdorf zum 21. Bezirk Floridsdorf. Daraufhin wurde das Gebiet vom Süden aus langsam städtebaulich erschlossen - vor allem durch Gewerbe- und Gemeindewohnbauten.

Die Architektur

Zur Gerasdorfer Straße hin zeigt sich die Wohnhausanlage in einer zwei- bis dreigeschoßigen geschlossenen Verbauung. Sie ist zum Teil gestuft angelegt und liegt - wegen der großzügigen Grünbereiche - weit von der Straße zurückversetzt. Im mittleren Teil der Häuserzeile befindet sich ein offener Durchgang, der auf einen weiten, quer zur Gerasdorfer Straße liegenden Anger führt. Dieser langgestreckte, begrünte Platz entspricht den alten Ortstrukturen des östlichen Niederösterreichs und findet sich unter anderem auch im historischen Zentrum von Stammersdorf.
Entlang des Angers der Wohnhausanlage sind mehrere Reihenhausgruppen in Flachbauweise angeordnet. Die Häuserzeilen der einzelnen Gruppen sind ineinander verkettet und umschließen wiederum kleine Plätze, zu denen enge Gassen führen. Damit wird die zufällig gewachsene Struktur einer Dorfgemeinschaft imitiert. Der Gartensiedlungsideologie der 1920-Jahre entsprechend, ist jedem Haus auch ein Privatgarten zugeordnet. Die Architektur ist durchwegs reduziert und schlicht gehalten. Jedoch finden sich an den einzelnen Häusergruppen unterschiedliche Form- und Grundrisslösungen, die farblich differenziert gestaltet sind und sich in der Siedlung mehrmals wiederholen. Neben verschiedenartigen Loggien und Terrassen fallen auch variantenreiche Eingangssituationen wie etwa verglaste Laubengänge und zackenförmig eingeschnittene Stiegenaufgänge ins Auge. Bemerkenswert sind auch die gegenüberliegenden Ecklösungen im Zentrum der Anlage. Sowohl in den Spitzerkern als auch in der auf schmalen Stützen ruhenden Rundlösung wird in dieser Anlage postmodernes Formenvokabular zur repräsentativen Platzgestaltung verwendet.

... und die Kunst

Im zentralen Hof der Anlage befindet sich die Metallplastik "Konzentration II" (1983-1985) von Josef Schagerl.

Der Name

1994 wurde die Wohnsiedlung nach Ernst Theumer (1890-1978) benannt. In Schmiedeberg in Sachsen-Anhalt geboren, absolvierte er zunächst eine Schneiderlehre; 1908 trat er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei. Nach dem ersten Weltkrieg kam er nach Österreich, wo er 1919 die Funktion als Leiter des Munitionsdepots in Stammersdorf, der damals noch selbständigen Ortsgemeinde, übernahm. Theumer wurde bald darauf Ortsobmann der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Gemeinderat und schließlich Vizebürgermeister und Obmannstellvertreter der Bezirksorganisation Korneuburg. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er im Untergrund für die verfolgten Sozialdemokraten weiter. Von 1948 bis 1959 war Theumer Bezirksvorsteher von Floridsdorf. Ein Gedenkstein im zentralen Hof der Anlage erinnert an seine Tätigkeit für den 21. Bezirk.

Architekten

Rudolf Felix Weber - Rudolf F. Weber wurde am 15. 6. 1933 in Köln geboren. Er besuchte von 1949 - 1957 die Meisterklasse Holzmeister an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo er 1957 diplomierte. Danach setzte Rudolf F. Weber sein Studium am MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Cambridge (USA) fort und graduierte 1959 zum M. A. arch. an der UCLA (University of California, Los Angeles). 1960 wurde er Mitarbeiter im Atelier von Gustav Peichl, 1970 war Rudolf F. Weber Mitbegründer der "Architektengruppe 18". Von 1973 bis 1979 war er als Assistent in der Meisterschule Gustav Peichls an der Akademie der bildenden Künste tätig, wo er 1980 auch Professor für Hochbau wurde. Ab 1991 war Rudolf F. Weber Partner im Atelier Peichl & Partner und ist seit 2002 Gesellschafter bei Peichl & Partner ZT GmbH. Zu seinen wichtigsten Bauten zählen unter anderem der Baublock 30 im 3. Bauteil der Wohnhausanlage Wienerberggründe in Wien 10 (mit Atelier 18, 1985-1989) sowie die Erzherzog-Karl-Stadt in Wien 22 (mit Gustav Peichl, 1997-1999).

Alfred Viktor Pal - Alfred Viktor Pal (1911-2007) studierte bis 1935 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Während des Zweiten Weltkrieges war er mit der Planung und Ausführung von Bauten der Luftwaffe betraut. Nach 1945 beteiligte sich Pal vor allem am Wiederaufbau. Mehrere Wohn- und Gewerbebauten wurden, vorwiegend in Gemeinschaftsarbeit mit anderen Architekten, nach seinen Entwürfen realisiert.

Engelbert Eder - Engelbert Eder (geb. 1936) studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Für die Gemeinde Wien war er unter anderem an der Sanierung des George-Washington-Hofes in Wien 10 beteiligt und entwarf gemeinsam mit Anton Holtermann und Hugo Potyka die Wohnhausanlagen Engerthstraße 189-191 in Wien 2 (1976-1978) und Handelskai 214 in Wien 2 (1975/76).

Reiner Wieden - Reiner Wieden (geb. 1940) studierte bis 1960 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Im Anschluss war er in den Büros von Engelbert Eder und Hans Hollein tätig, bevor er sich als Architekt selbständig machte. Für die Gemeinde Wien plante Reiner Wieden etwa den Ernst-Kirchweger-Hof in Wien 10, Sonnwendgasse 24 (1979-1981).

  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf Twitter
  • Teilen auf Google+