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Mehlführergasse 26-28

Fakten

Mehlführergasse 26-28

Mehlführergasse 26-28, 1230 Wien

Baujahr: 1975-1978

Wohnungen: 148

Architekt: Walter Lagler, Hilde Filas, Lucia Aichinger

Weitere Adressen

Keltengasse 8, 1230 Wien

Wohnen in Wien

In den 1970er-Jahren begann eine erste Sanierungswelle des Wohnungsaltbestands der Stadt Wien, um den Wohnstandard anzuheben. Zusätzlich wurden von 1972 bis 1977 rund 16.500 neue Wohnungen gebaut. Der Wohnungsmangel war beseitigt. Nun sollten sich neue Anlagen auch besser in ihre Umgebung einfügen, sich vom Straßenverkehr abwenden, öffentlich gut erreichbar und vor allem mit der nötigen Nahversorgung ausgestattet sein. Damit rückte auch ein Grundgedanke des "Roten Wien" aus den 1930er-Jahren wieder in den Mittelpunkt: Es wurde wieder Wert auf die Sozialisierung des Wohnens gelegt. 1978 wurde die Grundsteinlegung der 200.000sten Wohnung seit 1923 gefeiert.

Geschichte

Die weitläufige Wohnhausanlage an der Mehlführergasse 22-24, 26-28 und Keltengasse 4 wurde in den Jahren 1975-78 nach Plänen der Architekten Lucia Aichinger, Hilde Filas und Walter Lagler errichtet. Die insgesamt 33 Stiegen erstrecken sich über einen Verband von vier Gassen und sind teilweise als Randbebauung nördlich und südlich der Keltengasse gruppiert. Mehlführer- und Keltengasse liegen nahe dem früheren Zentrum von Atzgersdorf (Kirchenplatz), das 1850 als freie Gemeinde konstituiert wurde. In der Folge entwickelte sich das ehemals landwirtschaftlich geprägte Dorf zur industriellen Gemeinde Wiens mit einer Reihe von Fabriken, wie der sogenannten "Auerstrumpf"-Fabrik, in der der Erfinder des Gasglühlichts (OSRAM), Carl Auer von Welsbach (1858-1929), ab 1892 produzierte. Damit einhergehend stieg die Bevölkerungszahl ebenso wie die Anzahl an Schulen, durch deren Dichte sich der Bezirk Liesing, in den Atzgersdorf 1938 eingemeindet wurde, auch heute noch auszeichnet.

Die Architektur

Die Wohnhausanlage der Gemeinde Wien an der Mehlführergasse ist durch die Keltengasse in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt. Der südlich der Keltengasse gelegene größere Teil umfasst 23 Stiegen (Stg. 1-7 und 21-40) mit heute insgesamt 148 Wohnungen, einem Geschäftslokal an der Mehlführergasse 26-28 und einem angeschlossenen Kindergarten an der Keltengasse 3.

Die sechsgeschoßigen Häuser sind vorwiegend als Randbebauung geplant und einfach bzw. doppelt U-förmig angelegt. Dadurch entstehen Binnenhöfe, in denen Kleinkinderspielplätze sowie Grünflächen angelegt sind. Im Osten der Anlage zur Dirmhirngasse liegen die Häuserzeilen parallel zur Straße. Die Architektur der Häuserzeilen ist geprägt durch vor und hinter die Baulinie gesetzte Baukörper und die Zweifarbigkeit der Fassade zur Straße hin. Auffallend ist der durch Pfeiler gestützte, offene Laubengang im Erdgeschoß, von dem aus die Stiegenhäuser zu begehen sind. Die weiß getünchten Erker, die sich vom ersten bis zum fünften Wohngeschoß durchziehen und lediglich im Bereich der Stiegenhausachsen unterbrochen sind, heben sich von den dahinterliegenden terrakotta-farbenen Baublöcken ab. Diese Erker wiederholen sich an der dem Hof zugewandten Fassade, verfügen aber im Gegensatz zur Straßenseite (mit Ausnahme der Fassade zur Keltengasse) über vor die Fassade kragende Halbloggien sowie Dachterrassen im 6. Geschoß.

Die gleichen Gestaltungsprinzipien finden sich auch in den dazugehörigen Stiegen an der Mehlführergasse 22-24 und Keltengasse 4, die teilweise durch interne Wegesysteme miteinander verbunden sind.

... und die Kunst

Die Wände der ebenerdigen Laubengänge, von denen aus man zu den jeweiligen Stiegenhäusern gelangt, sind mit Fliesenmosaiken nach Entwürfen des Wiener Künstlers und gelernten technischen Zeichners und Grafikers Roman Haller (geb. 1920) aus den Jahren 1977-78 ausgestattet. Sie tragen die Titel "Ornamentale Struktur" und stammen aus der abstrakten Phase des Künstlers.

Der Name

Die ehemalige Bauergasse erhielt ihren jetzigen Namen Mehlführergasse im Jahr 1955 und wurde nach dem Gemeinderat von Atzgersdorf Theodor Mehlführer (1880-1929) benannt.

Die südlich der Anlage verlaufende Wagenmanngasse trägt ihren Namen seit 1967 nach Dr. Karl Wagenmann (geb. 1787), der 1832 eine chemische Fabrik gegründet hatte, die im Jahr 1911 als das Unternehmen "Wagenmann, Seybel & Co." zur HIAG kam und fortan eine große Rolle für die Rüstungsindustrie der Monarchie spielte.

Die parallel dazu verlaufende Keltengasse erhielt ihren Namen 1967 aufgrund der Funde in der Gegend, die auf Keltensiedlungen hinweisen.

Prominente Bewohner

Zu den zahlreichen berühmten Bewohnern von Atzgersdorf gehört auch der Volksschauspieler Karl Skraup (1898-1958), der vor allem durch seine Rollen in Nestroy- und Raimundstücken große Beliebtheit erlangte. Zu seinen Ehren stiftet die BAWAG (Bank für Arbeit und Wirtschaft, heutige BAWAG PSK) seit 1968 den "Karl-Skraup-Preis" für herausragende Ensemblemitglieder. Karl Skraup wurde auf dem Atzgersdorfer Friedhof beigesetzt.

Architekten

Walter Lagler - Walter Lagler (1939-1995) studierte von 1961 bis 1968 Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Unter anderem entwarf er die Reihenhausanlage Viktor-Hagl-Gasse 19 in Wien 14 (1977-1980) und zusammen mit Rudolf Lamprecht die kommunale Wohnhausanlage Hebbelplatz 3 in Wien 10 (1982-1985).

Hilde Filas - Hilde Filas (geb. 1922, ledig Friedrich) studierte von 1943 bis 1948 an der Technischen Hochschule Wien bei Karl Holey, Friedrich Lehmann und Erich Boltenstern. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst unter anderem in den Büros von Viktor Ruczka und Wilhelm Kroupa mit, bevor sie sich 1951 als Architektin selbständig machte. Vor allem Wohnbauten und Kindergärten entstanden nach ihren Entwürfen, wie etwa das Wohnhaus Markhofgasse 6 in Wien 3 und der Kindergarten Schulsteig in Wien 19, der der Architektin ein besonderes Anliegen war. In einer Architektengemeinschaft wurde die Wohnhausanlage Mehlführergasse in Wien 23 von ihr mitgeplant.

Lucia Aichinger - Lucia Aichinger (geb. Klär, 1921; verh. Stamminger) studierte ab 1941 an der Technischen Hochschule Wien und war bereits in den späten 1940er-Jahren als selbständige Architektin tätig. Von ihr stammt unter anderem der Um- und Dachausbau des Finanzamtes in Wien 15 (Ullmanngasse 54) und der Kindergarten am Kinzerplatz in Wien 21. Während ihrer vorübergehenden Tätigkeit in Deutschland wurde ein Hotel in Pocking (Niederbayern) nach ihren Plänen errichtet. Aichingers bedeutendstes Bauwerk ist das gemeinsam mit Sepp Stein entworfene Institut für Krebsforschung in Wien 9 (Borschkegasse 84, 1972-1976).

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