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Seybelgasse 3a

Fakten

Seybelgasse 3a

Seybelgasse 3a, 1230 Wien

Baujahr: 1955-1956

Wohnungen: 67

Architekt: Karl F. Wieninger

Weitere Adressen

Rudolf-Waisenhorn-Gasse 2, 1230 Wien

Seybelgasse 3B, 1230 Wien

Seybelgasse 3C, 1230 Wien

Wohnen in Wien

In den 1950er-Jahren ging es vor allem darum, Zerstörtes wieder aufzubauen und viele neue Wohnungen zu errichten. In den kommunalen Wohnbauten dieser Zeit finden sich die ersten Ansätze der sich später durchsetzenden Zeilenbauweise, die bis heute die großen Vorstadtsiedlungen prägt. Die Wohnbauten wurden größer, höher und waren verstärkt in Blockform gestaltet. Das Flachdach setzte sich durch. Alle neu gebauten Wohnungen waren mit Badezimmern und WC ausgestattet und die Mindestgröße wurde von 42 auf 55 Quadratmeter angehoben.

Geschichte

Gegenüber der Wohnhausanlage auf der anderen Seite der Seybelgasse liegt im Südosten das Gelände einer aufgelassenen, ehemals großen Chemiefabrik. Auch das östlich an den Gemeindebau anschließende Gartengrundstück gehörte zur Fabrik. Die Niederlassung der Firma Wagenmann, Seybel & Co bestand seit 1828. Erzeugt wurden unter anderem Spiritus, Essig, Schwefelsäure, Salzsäure, Salpetersäure, kohlensaures Ammoniak und Schamotteziegel. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges erwarb die "Holzverkohlungs-Industrie AG" (HIAG) das Unternehmen, 1920 erfolgte der Weiterverkauf an die "Pulverfabrik Skodawerke-Wetzler AG", 1939 die Fusionierung mit der "Donau-Chemie". Heute ist das ehemalige Fabrikgelände Standort verschiedener Industrie- und Gewerbebetriebe (u.a. Österreichische HIAG Werke, STUAG, Placzek OHG, Donau Chemie).

In der Nord-Ost-Kurve der Seybelgasse steht noch immer ein devastiertes Fabrikwohngebäude. Auf der gegenüberliegenden Seite der Rudolf-Waisenhorn-Gasse westlich des Gemeindebaus liegen die Fundamente der Servatiuskirche in einer Wiese südlich der Pellmannbrücke über die Liesing. Die ursprünglichen Umrisse werden heute noch von der Stadtverwaltung durch Bepflanzung in Erinnerung gehalten. Die um 1430 erbaute, erste Servatiuskapelle war ein relativ kleines Gotteshaus, das in der Folge mehrmals erweitert wurde. Als im Jahr 1784 das Pfarramt Liesing errichtet wurde, wurde sie zur Pfarrkirche erhoben. Die Servatiuskirche, die 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, war eine schlichte Dorfkirche, deren Größe an den Bedarf der wachsenden Bevölkerungszahl angepasst wurde.

Die Architektur

Die Wohnhausanlage liegt in einem Grünbereich zwischen der Seybelgasse und dem südlichen Ufer der Liesing und grenzt im Westen an die Rudolf-Waisenhorn-Gasse. Drei dreigeschoßige Blöcke mit ausgebautem Walmdach und insgesamt sieben Stiegen schließen mit ihren Schmalseiten zur Seybelgasse auf. Der mittlere Bau ist L-förmig angelegt und bilden zusammen mit dem kürzesten Gebäude im Osten einen offenen, annähernd quadratischen Grünhof aus. Zwischen dem längeren Flügel des Mitteltraktes und dem westlichen Bau liegt ein weiterer, längsausgerichteter Hof. In den Grünbereichen gibt es zahlreiche Bäume, Rastplätze sowie eine leicht in den Boden versenkte, gemauerte Nische für Koloniakübel.

Der Westblock mit den ersten beiden Stiegen ist durch ein Sgraffito in einer hochrechteckigen Mauervertiefung an seiner straßenseitigen Schmalseite hervorgehoben. Die Süd-West-Fassade weist acht gleichmäßig eingeschnittene, zweiflügelige Fensterachsen auf. Die Mitte wird durch einen seichten, zweiachsigen Erker über dem Erdgeschoß, der bis zur Dachlinie reicht, sowie eine vierachsige Gaube im Dachgeschoß betont. Die beiden Stiegenaufgangsachsen sind hofseitig angeordnet und schließen an jeweils zwei äußere Fensterachsen an. Die vier dazwischen liegenden Fensterachsen werden im Dachgeschoß von einer vierachsigen Gaube überfangen.

Auch an der Süd-West-Fassade des neunachsigen Westflügels des mittleren Gebäudes findet sich das zentrierende Motiv des zweigeschoßigen Flacherkers, der hier drei Achsen breit ist. Die Gaube im Dachgeschoß darüber ist fünfachsig. Leichte Asymmetrien kennzeichnen die bachseitige Fassade des zweiten Gebäudeflügels; sie verweisen auf den hier nicht sichtbaren Gebäudeflügel. Die Gruppe der vier westlichen, weiter auseinanderliegenden Fensterachsen wird mit jener der vier enger zusammenstehenden durch die aus der Dachmitte um eine Achse nach Osten verschobene, vierachsige Gaube verklammert.

Die Asymmetrien setzen sich auch hofseitig fort, wo die Fassaden durch den Zusammenstoß der Flügel verkürzt sind. Zwei der drei dort liegenden Stiegenaufgangsachsen sind von der Gebäudekante um zwei Fensterachsen hineingerückt. Die dritte Stiege ist ganz in die Ecke des längeren Flügels gerückt. Über den zwischen den Eingangsachsen liegenden vier Fensterachsen des Westflügels befindet sich eine gleichachsige Dachgaube. Im kürzeren Flügel ist nach dem Eingang nur Platz für drei Fensterachsen.

Die hofseitige Eingangsfassade des dritten Gebäudes ist sechsachsig, daher werden die Stiegenaufgangsachsen hier nur mehr von einer Fensterachse flankiert. Dazwischen liegen - wie bei der gegenüberliegenden Fassade - vier Achsen mit entsprechender Gaube. Ein letztes Mal wiederholt sich nun das Motiv des zentralen Flacherkers an der Nord-Ost-Fassade. Der Traktkürze wird die auf zwei Achsen reduzierte Dachgaube gerecht, die mit der Erkerbreite genau übereinstimmt.

Die Schmalseiten aller Fassaden sind zweiachsig, wobei eine Fensterachse durch französische Fenster hervorgehoben ist. Nach einer umfassenden Gebäudesanierung ist die Wohnhausanlage einheitlich in kräftigem Terrakottarot gestrichen. Die Fenster sind durch schmale, hellgraue Putzfaschen abgesetzt, die Stiegeneingänge wurden im Originalzustand belassen.

... und die Kunst

An der Schmalseite von Haus 1 ist südseitig in einer hochrechteckigen Mauervertiefung ein großes Sgraffitowandbild angebracht, das die Regulierungsarbeiten am Liesingbach zeigt. Die Figuren und Gegenstände sind nur leicht abstrahiert und etwas flächiger als in Wirklichkeit dargestellt. Eine Beischrift ist schräg in den Putz geritzt: "Die Regulierung des 24 km langen Verlaufs des Liesingbaches befreite die Bewohner der anliegenden Ortschaften vor der Gefahr des Hochwassers."

Der Name

Die Seybelgasse ist nach Emil Seybel (1845-1915) benannt. Er war der Schwiegersohn von Dr. Karl Wagenmann, der 1832 eine chemische Fabrik in der Seybelgasse gründete und diese 1841 an seinen Schwiegersohn verkaufte (Wagenmann, Seybel & Co). Das Unternehmen kam 1911 zur österreichischen HIAG und spielte eine große Rolle in der Rüstungsindustrie der Monarchie.

Sanierung

von 2004 bis 2006

In der Wohnhausanlage wurde in den Jahren 2004 bis 2006 eine Sockelsanierung durchgeführt. Neben der Neudeckung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen, und die Fassade wurde mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Kosten beliefen sich auf 2.747.800 Euro, davon konnten 1.854.765 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Karl F. Wieninger - Karl Franz Wieninger (1909-1994) studierte Architektur an der Technischen Hochschule Wien, wo er 1951 auch promovierte. Im Anschluss besuchte er an der Akademie der bildenden Künste die Meisterklasse von Clemens Holzmeister, in dessen Atelier er auch mitarbeitete. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete K. F. Wieninger eine bis in die 1960er-Jahre bestehende Bürogemeinschaft mit Otto Kataschenka. Nach Karl Franz Wieningers Plänen entstanden in Wien zahlreiche Wohnhäuser und mehrere Villen, darunter etwa die größeren Wohnhausanlagen Pfeilgasse 43 in Wien 8 und Hadikgasse 172 in Wien 14. Unter seiner Leitung erfolgte aber auch der Umbau des ehemaligen Ursulinenklosters in der Johannesgasse in Wien 1 zur Universität für Musik und darstellende Kunst (1963-1968). Sein letzter großer Auftrag war in Zusammenarbeit mit Ernst Hiesmayr die Realisierung des Juridicums, der Juristischen Fakultät der Universität Wien, in Wien 1, Helferstorferstraße 5-9 (ab 1968).

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