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Endresstraße 94-96

Fakten

Endresstraße 94-96

Endresstraße 94-96, 1230 Wien

Baujahr: 1913-1914

Wohnungen: 15

Architekt: Architekturbüro Gebrüder Ludwig

Wohnen in Wien

Im 19. Jahrhundert wuchs als Folge der massiven Industrialisierung die Arbeiterschicht stark an, die Einwohnerzahl Wiens explodierte, vor allem auch durch den Zuzug aus den ländlichen Gebieten der Donaumonarchie. Die nötigen Wohnungen wurden nahezu ausschließlich von Privaten gewinnorientiert gebaut. Mietskasernen mit so genannten "Bassena-Wohnungen" - Zimmer, Küche, Wasser und WC auf dem Gang - entstanden. Viele mussten diese kleinen Wohnungen (zwischen 20 und 30 Quadratmetern) noch mit Bettgehern und Untermietern teilen, um die Miete zahlen zu können. In den Jahren des Ersten Weltkrieges stagnierte die Bautätigkeit.

Geschichte

Das auch unter dem Namen "Villa Petzolt" bekannte Herrschaftshaus an der Endresstraße in Wien-Mauer wurde in den Jahren 1913-14 nach Plänen des in Deutschland ansässigen Architekturateliers "Gebrüder Ludwig" errichtet. Es grenzt an das ehemalige "Maurer Schlössl", welches als ursprüngliches Jesuitengut 1937 an die Marktgemeinde Mauer überging und in dem heute die Rudolf-Steiner-Schule untergebracht ist. Der ehemalige Sommerfrischeort Mauer wurde im Jahr 1938 als eines von 8 Dörfern in den Bezirk Liesing eingemeindet und ist heute noch mit seinen zahlreichen Villen eine der gehobeneren Wohngegenden Wiens.

Die Architektur

Der ehemaligen Herrschaftsvilla von Prinz Philipp Josias zu Sachsen Coburg Gotha folgte 1913 der Neubau des Herrenhauses samt Wirtschaftstrakt für die Familie Petzolt. Die sogenannte "Villa Petzolt" beherbergt heute auf 3 Stockwerken (inklusive Dachgeschoß) insgesamt 15 Wohnungen. Dem im Garten frei stehenden Wohnhaus ist im Westen ein ebenerdiger Wirtschaftstrakt mit einer dreiachsigen Durchfahrt und einer orthogonal dazu liegenden Remise und Waschküche angeschlossen. Dem Tor ist eine Zufahrt vorgelagert, die vom aufwändig gestalteten Pfeilerzaun mit Klinkerverdachungen an der Grundstücksgrenze zur Stichkappen (quer zur Achse des Hauptgewölbes)-gewölbten Durchfahrt führt.
Die Fassade des Hauses ist mit ihrem Fassadendekor, den Erkern, der gestuften Dachsilhouette und dem hinter die Fassadenflucht gesetzten, mittigen Balkon in der Beletage sehr abwechslungsreich gestaltet.

Die barockisierenden Bauelemente wie z. B. die Gesimsbänderung über dem Mezzanin, die teils vorspringenden, teils rückspringenden, geschwungenen Bauteile und die volutenflankierten Fensterbögen zählen zu den typischen Gestaltungsformen der Brüder Ludwig in jener Zeit und heben sich von den frühklassizistischen Formen des Maurer Schlössls (umgestaltet Ende 18. Jhdt.) ab.

Auffallend ist auch der zentrale Schweifgiebel mit Monogramm, der die Villa bekrönt und zum monumentalen Eindruck des Gebäudes beiträgt.

... und die Kunst

Am Schweifgiebel der mittig gesetzten Fenstergaupe, die das Herrenhaus bekrönt, befindet sich ein Monogramm (vermutlich jenes der Familie Petzolt) in Formen der Wiener Werkstätte, flankiert von zwei Füllhornmotiven. Der Entwurf und die Ausführung des Monogrammbildes gehen vermutlich auf den Otto Wagner-Schüler und Architekten des Baus, Alois Ludwig, zurück.

Der Name

Die Endresstraße in Mauer, die ursprünglich als Fußgängerallee zwischen den Gemeinden Mauer und Atzgersdorf angelegt war, erhielt ihren Namen im Jahr 1966 nach dem Historiker und Mittelschullehrer Dr. Robert Endres (1892-1964), der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen war, unter anderem zur Österreichischen Staatsbürgerschaftskunde (1927) sowie zur Geschichte Europas im 19. Jahrhundert (1924 und 1948).

Prominente Bewohner

Zu den zahlreichen berühmten Bewohnern von Mauer gehört auch der Architekt und Heinrich von Ferstel-Schüler Karl Mayreder (1856-1935).

Architekten

Architekturbüro Gebrüder Ludwig - Das Architekturbüro "Gebrüder Ludwig" bestand aus den Brüdern Alois (1872-1969) und Gustav Josef Ludwig (1876-1952), die beide in Brünn (heute Tschechien) geboren und aufgewachsen waren. Während Alois Ludwig in Brünn die Gewerbeschule besuchte - zu deren Absolventen auch Josef Hoffmann zählte - und sich danach in die Meisterklasse von Otto Wagner einschrieb, absolvierte sein Bruder Gustav Ludwig eine Ausbildung in Amerika an der Seite von Henry Hornbostel (1867-1961) und John Russel Pope (1874-1937). 1907 stieg Gustav in das zwei Jahre zuvor von seinem Bruder in München gegründete Architekturatelier ein, das fortan unter dem Namen "Gebrüder Ludwig" vor allem in Deutschland, aber auch in Südtirol und Wien sehr erfolgreich tätig war. Zu den interessantesten und sehr unterschiedlichen Projekten der Geschwister in Wien gehören das Wohn- u. Geschäftshaus in der Neustiftgasse 87 (Wien 7, 1910), das Direktionsgebäude der Prager Eisenindustrie am Heumarkt 10 (Wien 3, 1912) und die Villa Petzolt in der Endresstraße 94-96 (Wien 23, 1913). Weitere bekannte Projekte umfassen die Ausführung des Thomas-Mann-Hauses in München (o. J.), das sich im Wiederaufbau befindet, sowie der von Alois Ludwig stammende Entwurf des Majolikadekors für das Mietshaus in der Wienzeile 40 (Wien 6) von Otto Wagner.

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