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Bergsteiggasse 28

Fakten

Bergsteiggasse 28

Bergsteiggasse 28, 1170 Wien

Baujahr: 1924-1924

Wohnungen: 27

Architekt: Otto Rudolf Polak-Hellwig

Weitere Adressen

Hernalser Hauptstraße 54, 1170 Wien

Wohnen in Wien

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Sozialdemokratie bestimmende Kraft im Wiener Rathaus. 1922 wurde Wien ein selbstständiges Bundesland. Damit war auch der Grundstein für das "Rote Wien" gelegt. Neben Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen wurde 1923 ein umfangreiches Bauprogramm gestartet, um für die Bevölkerung menschenwürdige Wohnungen zu schaffen - hell, trocken, mit Wasserleitung und WC ausgestattet, waren sie ein krasser Gegensatz zu den Bassena-Wohnungen in den Mietskasernen. Wesentlicher Teil der Anlagen waren Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Kindergärten, Waschküchen, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Tuberkulosestellen, Turnhallen, Bibliotheken etc. Die Stadt Wien errichtete in der Zwischenkriegszeit 63.000 Wohnungen.

Geschichte

Im 19. Jahrhundert stand an der Ecke Bergsteiggasse/Hernalser Hauptstraße ein Haus, das sich im Besitz des Hernalser Bürgermeisters Franz Helbling befand, nach dem später die Helblinggasse benannt wurde. 1914 errichtete man an dieser Stelle ein drei Stockwerke hohes Wohn- und Geschäftshaus, in dem die Hernalser Hauptsparkasse untergebracht war. 1921 wurde dieses Privathaus abgerissen. 1923 erwarb die Gemeinde Wien das Grundstück und ließ 1924 aus den Mitteln der Wohnbausteuer an der Ecke zur Hernalser Hauptstraße das heutige Wohnhaus errichten. Der Bau wurde im Zweiten Weltkrieg trotz zahlreicher Kriegsschäden in der unmittelbaren Umgebung kaum in Mitleidenschaft gezogen und blieb auch danach bis auf einige notwendige Adaptierungen und qualitative Verbesserungen unverändert.

Die Architektur

Dieses Wohnhaus ist besonders interessant, da Polak-Hellwig, der Architekt des Einküchenhauses "Heimhof" in der Pilgerimgasse, hier ein neuartiges Küchensystem angewendet hat. Ziel der auf 6,5 Quadratmetern konzentrierten Küche war es, erwerbstätigen Frauen möglichst viele Wege zu ersparen. Die Anlage der Wohnungen ist für einen Bau aus den 1920er-Jahren äußerst experimentell, die Küche ist zum Wohnraum hin offen. Gaszähler wurden erstmals außerhalb der Wohnungen angebracht. Über ein spezielles Abfallbeseitigungssystem im Stiegenhaus sollte der Müll über Schächte nach unten befördert werden. Teilweise waren die Wohnungen von Beginn an mit Toiletten ausgestattet, was Mitte der 1920er-Jahre einen absoluten Luxus darstellte.

Nach außen mutet das Wohnhaus eher biedermeierlich an. Das zweitraktige Eckhaus ist an der Straßenkreuzung abgerundet. Zwei schmale, risalitartige Fassadenvorlagen in den beiden Straßenzügen grenzen zu dieser Eckgestaltung hin ab. Eine genutete Sockelzone umfasst den Bereich des Erdgeschoßes mit den Lokalen und ist von einem Zwischengesims nach oben hin begrenzt. Die Geschäftszone wurde teilweise durch nachträgliche Veränderungen der Lokaleingänge und Fenster umgestaltet. Auf der gesamten Fassadenfläche sind die annähernd quadratischen Fenster im ersten und zweiten Hauptwohngeschoß gemeinsam in die Fassade eingelassen, durch rechteckige Wandvorlagen miteinander verbunden und rundbogig abgeschlossen. Oberhalb des zweiten Hauptgeschoßes ist ein Zwischengesims eingezogen. Darüber liegt ein drittes Wohngeschoß, das etwas unterhalb des Dachgesimses von einem Band gesäumt wird. In der Hernalser Hauptstraße findet die Fassade in einer flachen Wandvorlage ihr Zentrum. Sie wird oberhalb des Hauptgesimses von einem spitzgiebeligen Dachaufbau bekrönt, dessen Rundbogenfenster die zentrale Fensterachse fortsetzt. Die Achse ist von Loggien und kannelierten Pilastern flankiert. Die Pilaster werden bereits in der Sockelzone vorbereitet. In der Bergsteiggasse bildet ebenfalls eine Wandvorlage mit Loggien und Fenstern das Zentrum der Fassade. Auf Pilaster wurde auf dieser Seite verzichtet, stattdessen gliedern verzierte Bänder und Zwischengesimse diesen Bereich, der - anders als in der Hernalser Hauptstraße - nicht bis ans Dachgesims herangeführt wird. Mittig befindet sich ein spitzgiebeliges Dachhäuschen. Das Dachgesims ist überall durchgängig und an der abgerundeten Ecke mit Scheinkonsolen und Mäandern versehen. Die Hoffassade beider Trakte ist um ein Geschoß erhöht und wird heute von nachträglich zugebauten Aufzugsschächten geprägt. Zwischengesimse trennen hier Sockel-, Haupt- und Attikageschoß.

Der Name

Der Name Bergsteiggasse bezieht sich auf einen Hauersteig durch Weingärten, der ehemals zu beiden Seiten der heutigen Hernalser Hauptstraße verlief. Bis 1864 bzw. 1871 waren die Bezeichnungen Untere und Obere Bergsteiggasse für die Teile beiderseits der Hernalser Hauptstraße gebräuchlich.

Prominente Bewohner

Zwischen 1946 und 1953 wohnte Leopold Kunschak (1871-1953) in diesem Haus. Er gründete 1892 den Christlichsozialen Arbeiterverein als Bewegung für Arbeiter, die sich aus weltanschaulichen Gründen nicht der sozialdemokratischen Bewegung anschließen wollten. 1904-1934 war Kunschak Mitglied des Wiener Gemeinderates, 1945 Obmann der Österreichischen Volkspartei und Vizebürgermeister der Stadt Wien und 1945-1953 Präsident des Österreichischen Nationalrates.

Sanierung

von 1998 bis 2001

Die Wohnhausanlage wurde in den Jahren 1998 und 2001 saniert. Neben der Instandsetzung des Daches umfassten die Arbeiten auch die Erneuerung der Fenster und Türen. Dadurch konnten die Heizkosten für die Mieterinnen und Mieter, aber auch die Kohlendioxid-Belastung für die Umwelt gesenkt werden. Die Kosten beliefen sich auf 759.800 Euro, davon konnten 210.752 Euro durch Förderungen gedeckt werden.

Architekten

Otto Rudolf Polak-Hellwig - Otto Rudolf Polak-Hellwig (1885-1951) studierte zunächst an der Technischen Hochschule Wien und von 1908 bis 1909 an der Akademie der bildenden Künste. Er beschäftigte sich vor allem mit rationeller Wohnungs- und Haushaltsplanung. Im 17. Bezirk schuf er 1916 ein prototypisches Einküchenhaus, das jedoch 1959 abgerissen wurde. 1938 emigrierte er nach Australien.

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