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Der Herr Wallner aus dem Schlingerhof

Der Wiener Herr Wallner hat seine Jugend in Floridsdorf im Schlingerhof verbracht. Bei einem Spaziergang durch seinen Gemeindebau hat der Zeitzeuge seine Vergangenheit wieder lebhaft aufleben lassen.

Es ist ein eisig kalter Wintertag, der Raureif hängt an den Blättern der Bäume und die Eiskristalle bahnen sich ihren Weg die Fensterscheiben hinauf, als Herr Wallner mit einer Kappe und schwarzen Mantel bekleidet, zielstrebigen Schrittes den Innenhof des Gemeindebaus betritt.   

Ich kann mich an die Bombenangriffe im 1945er Jahr noch erinnern, da war ich sechs Jahre alt, da sind wir in die Bunker gelaufen, die sich hier unter dem Markt befunden haben, so Herr Wallner.

Die Kindheit von Herrn Wallner war, wie bei so vielen Kindern der Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht die einfachste. Sein Vater ist 1942 in Russland im Zweiten Weltkrieg gestorben. Aufgewachsen ist er mit seiner Mutter allein auf der siebener Stiege im zweiten Stock des Gemeindebaus.

In der Ferstelgasse hat er die Volkschule besucht, danach ging es in die Hauptschule in der Däublergasse in Jedelsee. Als aufgewecktes Kind und Lausbub war er um keinen Spaß verlegen. „Früher hat man ja überall rein können, da haben wir angeläutet und sind dann davongerannt... „Die Mädchen haben ja so lange Zöpfe gehabt, da haben wir in der Schule, schon den ein oder anderen Zopf in ein Tintenfassel gesteckt!... Wir haben auch oft einen Wirbel gemacht und Fensterscheiben eingeschossen!"

Als Herr Wallner älter wurde haben sich seine Interessen verlagert.  „Im Schlingerhof gab es da einige Mädchen... Es war eine Fritzi, eine Friedericke dabei, dann haben die Leute immer gesagt die Frtzi und der Fritzi...Ich wollte immer Afrikaforscher werden. Die Tiere und die fremden Leute haben mich sehr interessiert... Das bin ich natürlich nicht geworden... Ich bin ein hundsgewöhnlicher Eisenbahner in einer Druckerei geworden. (Anmerkung: Herr Wallner arbeitete als Buchstabensetzer in einer Druckerei der ÖBB).“

Aber das Fernweh hat Fritz Wallner immer gepackt. Als 18-Jähriger hat er im Schlingerhof im Vortragssaal einen Vortrag über Sardinien gehört. Mit einem Freund aus dem Gemeidebau machte er sich auf, die italienische Insel zu erkunden. Zuerst ging es im Zug nach Neapel und dann mit dem Schiff nach Sardinien und dort „sind wir auf und ab geradelt, die Landschaft hat mich sehr beeindruckt!“, erinnert sich der Pensionist.

Mit 23 Jahren hat Herr Wallner seine erste Frau geheiratet. Kennengelernt hat er sie in der Straßenbahn: „Gleich da im 31er, wir sind beide von der Arbeit heim gefahren – und da habe ich sie angesprochen.“

Nach 13 Jahren Ehe folgte die Scheidung. Mittlerweile ist Herr Wallner seit fast 40 Jahren mit seiner zweiten Frau glücklich verheiratet. Er kommt aber immer noch gerne in „seinen“ Schlingerhof und lässt hier seine Seele baumeln. „Unsere Wohnung war nur eine Zimmer-Küche-Wohnung“ er zeigt hinauf in den zweiten Stock auf ein Fenster. Dann geht er ein paar Schritte weiter zu einer Türe.

„Hier war früher der Hintereingang zum Beisl, da haben wir ab und zu ein Bier getrunken“. Dann schaut er zum kleinen Uhrturm hinauf und sagt: „Mein ganzes Leben wollt ich da raufgehen, und letzten November ist mir dieser Traum endlich erfüllt worden. Schön ist der Ausblick von da oben!“... Dann nimmt er seine Kappe und verlässt mit einem spitzbübischen Lächeln, dass der Zeit nichts anhaben konnte den Schlingerhof, in Richtung 31er.

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