Mobile Version aus nicht mehr nachfragen

Meine Kindheit im Gemeindebau

Dieter Chmelar läutet bei seinen ehemaligen Nachbarn an

Ein Gemeindebau in der Canavesegasse in Atzgersdorf war bis zu seinem 12. Lebensjahr die Heimat von Autor und Journalist Dieter Chmelar. Wir haben ihn auf einer Spurensuche in seine Kindheit begleitet.

Als Dieter Chmelar schnellen, zielstrebigen Schrittes an einem heißen Mittwochnachmittag im Juli den Gemeindebau in der Canavesegasse ansteuert, springen ihm sofort zwei Skulpturen ins Auge: „Auf den kleinen Schweinderln sind wir herumgeklettert, die sind mir immer ganz groß vorgekommen. Und da oben, im zweiten Stock, da haben wir gewohnt, zu viert auf 60 m2.“ – Dann dreht er sich um und sieht das Haus seines Jugendfreundes Andi Schleif. Er überquert die Straße und läutet. Die Tür geht auf und er wird eingelassen.

„Serwas, hallo, ewig lang ned g’sehen, fufzich Joar?“, so Dieter Chmelar. „Vierzich Joar waren’s sicha!“, so Andreas Schleif. Die beiden haben gemeinsam die Volksschule
besucht. „Hier im Garten vom Andi haben wir Nachfodsch  (umgangssprachlich für Nachlaufen) und Fußball gespielt.“

„Der erste Eindruck vom Dieter war, da hat er eine Schlägerei gehabt, er gegen vier andere und da habe ich ihn gesehen“, so Andreas Schleif. „Du warst für mich anders,
weil Du nicht im Gemeindebau gewohnt hast, Andi!“, meint Dieter Chmelar zu seinem Jugendfreund. „Aber ich war auch gerne im Gemeindebau bei euch drüben. Wir haben auf der Klopfstange geturnt.“ Nach einer langen Plauderei und dem Austausch der Telefonnummern geht es wieder über die Straße zurück in den Gemeindebau.

Für mich ist der Gemeindebau eine Haltungsgeschichte, der soziale Wohnbau ist eine Errungenschaft.

Es ist der Dieter!

Bei den ehemaligen Nachbarn, der Familie Rosner, läutet der Entertainer. „Frau Rosner, hier ist der Dieter, der Dieter Chmelar“ – „Da Dieter, na so eine Überraschung,
komm rauf!“ Im zweiten Stock bleibt er kurz vor einer Türe stehen und sagt: „Da haben wir gewohnt“. Dann öffnet sich links einen Meter daneben die Türe und er wird
eingelassen. „Dieter, hallo, wir sprechen oft von dir! Unser Peter und der Dieter waren ja im selben Alter und haben viel angestellt: Die haben eine Telefonleitung gelegt vom Dieter zum Peter seinen Bett und wenn wir geglaubt haben, die schlafen schon, haben sie telefoniert.“

Familie Rosner war eine der wenigen, die einen Fernseher im Gemeindebau hatte.
„Wir Kinder san da unterm Tisch glegn und ham ferngschaut. Kulenkampff und ,Rendezvous mit Tier und Mensch‘!“, erinnert sich der Journalist. „Um Ausreden war der Dieter nie verlegen, wenn irgendwas hin war –er war es nicht!“, lacht die Pensionistin. Dieter Chmelar ist sichtlich gerührt. Nachdem er mit seinen ehemaligen
Nachbarn Erinnerungen ausgetauscht hat, geht es wieder in den Hof.

Alles, was ich bin, rührt von meinen Wurzeln!

„Als wir älter waren, haben wir hier bei den Wildschweindln die Tschick reingesteckt, dass hat keiner wissen dürfen, hier haben wir uns super verstecken können“, so Dieter Chmelar. Dann wirft er noch einen Blick auf sein altes Zuhause. Geht zu seinem Auto, steigt ein und fährt zu seinem nächsten Termin. Heute ist er einer, der gerne in der Öffentlichkeit steht, eine One-Man-Show, ein Alleinunterhalter, einer, der sich nicht mehr versteckt.

  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf Twitter
  • Teilen auf Google+